Auch in den Flüchtlingsunterkünften lernen Schüler:innen derzeit im Distanzunterricht. Unter noch einmal erschwerten Bedingungen. Wir haben mit einer Familie aus Syrien gesprochen und einen Einblick bekommen, was Home Schooling für sie bedeutet. Stadt und Kreis bieten Hilfen an – beim Thema Breitband gibt es aber auch hier große Probleme.

Die Familie K. stammt aus Syrien, aus der Stadt Daraa, gut 115 Kilometer südlich der Hauptstadt Damaskus. Vater O. ist schon seit fünfeinhalb Jahren in Deutschland. Die Mutter R., die beiden Töcher F. und R. (8 und 14 Jahre) sowie der Sohn L. (17 Jahre) erreichten Deutschland vor zehn Monaten.

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Notbetreuung in der Grundschule

Zu fünft leben sie nun in einer kleinen Flüchtlingsunterkunft mit zwei Schlafzimmern, Wohnzimmer, Küche und Bad. Eltern und die beiden Töchter teilen sich je ein Zimmer, der Sohn schläft auf der Couch im Wohnzimmer.

Wir treffen uns mit genügend Abstand in einem kargen Raum der Einrichtung, außerhalb der Wohnung. Die Kinder sind erst seit August 2020 in den Schulen angemeldet, auch die Mutter hatte den Sprachunterricht aufgenommen, der wegen Corona aber bald eingestellt worden war.

Die jüngste Tochter R. (8) geht täglich zu Fuß in die wenige hundert Meter entfernte Grundschule. Hier treffen sich um acht sechs Kinder der ersten Klasse in der Notbetreuung. Die Kinder lernen Schreiben, nach vier Stunden geht es wieder nach Hause.

Die Familie ist zufrieden mit der Lösung. So lernt R. andere Kinder kennen und übt quasi spielend die deutsche Sprache.

Der Interviewraum in der städtischen Flüchtlingsunterkunft. Hier fand das Gespräch mit dem Bürgerportal statt

Videokonferenzen auf dem Handy

Anders ist es bei den beiden älteren Geschwistern. Die 14-Jährige besucht einen Integrationsvorbereitungskurs, der in den weiterführenden Schulen in Herkenrath angesiedelt ist. Der 17-Jährige nimmt seit August 2020 an einer beruflichen Orientierung an den Berufsschulen in Heidkamp teil.

Beide Geschwister befinden sich seit Jahresbeginn im Distanzunterricht. Zweimal pro Woche schalten sie sich für je eine Stunde per Internet mit ihrer Klasse zusammen. Bei F. nehmen Schüler:innen u.a. aus Albanien und Nigeria teil. Sohn L. berichtet von arabischen Mitschüler:innen sowie Teilnehmern aus Albanien, Deutschland und dem Sudan.

Das Handy muss für den Distanzunterricht von L. genügen

Zwar verfügt die Familie über ein Laptop, das über die Grundschule bereitgestellt wurde. Es hat jedoch keine Kamera und ein veraltetes Betriebssystem. Für das Home Schooling sei es daher nicht geeignet, meint Vater O. Daher nutzen beide Geschwister kleine Smartphones, um an den Videokonferenzen teilzunehmen.

Da die Flüchtlingsunterkunft nicht an Breitband angebunden ist, hat der Vater privat einen Internetanschluss beauftragt und einen Drucker gekauft. Das Internet wäre morgens und abends jedoch langsamer als vertraglich vereinbart. Anscheinend seien dann viele Nutzer online, mutmaßt O. Für den Download der Hausaufgaben genüge es jedoch.

Zu wenig Kontakt

Videokonferenzen per Handy sind nicht optimal. Die Teilnehmer:innen wären auf diese Weise kaum zu erkennen, berichten F. und L. übereinstimmend. Zudem wäre die Verständigung schwierig, die anderen Schüler:innen sowie die Lehrer:innen seien kaum zu verstehen. Das Lernen gestalte sich entsprechend schwierig, und zwei Stunden pro Woche seien viel zu wenig.

Alle Schüler:innen in Bergisch Gladbach leiden unter den Bedingungen des Distanzunterrichts. Abseits der hier geschilderten Situation erschweren oft scheinbare Selbstverständlichkeiten die Teilnahme der Schüler:innen am Distanzunterricht weiter. Mehr Beiträge zum Thema finden Sie hier:

Sie würden gerne mehr Kontakt in die Schule haben, ihre Augen blitzen im Gespräch immer wieder neugierig auf. Die Kinder sind ehrgeizig, wollen Ärztin, Lehrerin und Elektroingenieur werden. Ein großer PC wäre der Wunschtraum, und endlich wieder Präsenzunterricht.

Lernen in Küche und Wohnzimmer

Sohn L. berichtet, er lerne jetzt, seinen Namen mit lateinischen Buchstaben zu schreiben. Zudem würde er das Deklinieren von Verben üben. Der Vater unterstützt die drei Kinder bei der Bearbeitung der Aufgaben. Die Blätter werden später entweder per Post oder per Email zurück an die Schulen gesandt.

Als Arbeitszimmer dienen Tische in Küche und Wohnzimmer. Immerhin können die beiden ältesten Geschwister so getrennt lernen. Gemeinsam in einem Raum ginge dies nicht, die Videokonferenzen wären dann erst recht nicht zu verstehen, meint der Vater.

Freunde haben die Kinder wegen Corona kaum. Sie können nicht vor die Tür, erste vereinzelte Kontakte finden wenn überhaupt über Online-Chats statt. Dies ist die einzige Verbindung nach draussen. In die neue Umgebung, die einmal Heimat werden soll.

Stadt und Ehrenamt hilft …

Die Situation in den Unterkünften ist den Akteuren in der Stadtverwaltung bekannt. Es gibt eine Reihe von Angeboten, die etwas Abhilfe schaffen sollen.

Hinweis der Redaktion: Hier listet die Stadt auf, wer als Ansprechpartner in Frage kommt, in der Verwaltung, in den Verbänden und Vereinen, im Ehrenamt. Eine weitere, in einigen Punkten nicht mehr aktuelle Aufstellung gibt es hier im Bürgerportal.

So würden die Sozialen Netzwerke und Einrichtungen der Offenen Kinder und Jugendarbeit Unterstützung wie Videosprechstunden, digitale Hausaufgabentreffs bzw. Nachhilfestunden oder den Verleih von Endgeräten anbieten, heißt es bei der Stadt.

Honorarkräfte aus den unterschiedlichsten Bereichen stünden als Ansprechpartner:innen zur Verfügung. In den durch das DRK betreuten Unterkünften könnten die Sozialarbeiter:innen des DRK angesprochen werden.

…. aber Ungleichheit in Bildung wird verstärkt

Schwierig sei indes, die Familien zu erreichen, die noch nirgendwo angebunden seien, also auch bisher keine Angebote nutzen, den Einrichtungen nicht bekannt seien und keinen Kontakt zum Ehrenamt o.ä. hätten. Hier könne der Kontakt zu Hilfestrukturen nur über das Lehrpersonal aufgebaut werden, was durch die Lehrer:innen auch erfolge.

Denn sei dies eine sehr schwierige Situation, welche die an vielen Stellen bestehende Ungleichheiten im Bildungssystem verstärken werde, so das Fazit der Stadt.

Kreis: Übersetzer, Schulplatzvermittlung

Auch beim Kreis gibt es entsprechende Angebote: Das Kommunale Integrationszentrum (KI) des Rheinisch-Bergischen Kreises berate alle neu zugewanderten Familien mit schulpflichtigen Kindern zum schulischen Bildungsweg und vermittele den Kindern einen Schulplatz, erklärt der Kreis auf Anfrage. Für das Aufnahmegespräch an der Schule stelle das KI bei Bedarf zur Übersetzung Sprachmittler:innen zur Verfügung.

Sofern die technischen Voraussetzungen in den Unterkünften gegeben seien, würde das KI zudem auch ein digitales Schulaufnahmegespräch zwischen Schule und Interessenten vermitteln.

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Außerdem biete das KI digitale Deutschförderung durch Sprachpat:innen an. Sollte die notwendige technische Ausstattung für den Online-Unterricht fehlen versuche das Kommunale Integrationszentrum nach Möglichkeit die entsprechende Hardware bereitzustellen.

Unter dem Strich sind dies sinnvolle Angebote von Stadt und Kreis. Gleichwohl: Pandemie-bedingt wird viel ins Internet verlagert. Und die Flüchtlingsunterkünfte sind, so der Eindruck aus den Recherchen, nur unzureichend mit Breitband erschlossen.

Die Telekom biete Hot Spots an, berichtet eine Netzwerkerin. Optimal wäre, diese und weitere Angebote flächendeckend in den Flüchtlingsunterkünften bereitzustellen. Das Internet ist – nicht nur in punkto Distanzunterricht – eine der Lebensadern der Menschen in den Flüchtlingsunterkünften.

Genaue Zahl der Kinder unbekannt

Wie viele Kinder in den Flüchtlingsunterkünften von der prekären Situation beim Distanzunterricht betroffen sind, lässt sich nicht genau beziffern. Stand Januar 2020 gab es in Bergisch Gladbach nach Auskunft der Stadt rund 12.500 Schüler:innen in den allgemeinbildenden Schulen. Davon ca. 1.000 ausländische Kinder und Jugendliche. In den städtischen Flüchtlings-Unterkünften leben aktuell 780 Menschen, davon rund 200 Kinder im Alter von sechs bis 18 Jahren.

Drei dieser Kinder sind L., F. und R. aus Daraa in Syrien. Auch wenn die Familie K. im Gespräch aufzeigt wo der Schuh drückt: Sie beklagt sich nicht sondern versucht das Beste aus der Situation zu machen. Es herrscht Zuversicht. Und aus dem Distanzunterricht wird vielleicht irgendwann Home Schooling – wenn das Schooling rund läuft, und wenn sich das Home mehr nach Heim anfühlt.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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