Die neue Website des Nachhaltige Mobilität e.V. skizziert ein harmonisches Zusammenspiel von Rad- und Autoverkehr. Foto: Screenshot

Jahrzehntelang hat der Autobahnzubringer e.V. für eine Straße auf dem Bahndamm argumentiert, von diesem „Allheilmittel“ hat er sich inzwischen verabschiedet. Jetzt will er als „Verein Nachhaltige Mobilität in GL“ die Interessen aller Verkehrsteilnehmer:innen zusammenbringen. Und der Stadt helfen, ein System für ganz Bergisch Gladbach zu entwickeln. Das alte Kernziel wollen David Roth und seine Mitstreiter aber nicht ganz aufgeben.

Das Logo des Autobahnzubringer e.V. war einem Autobahnschild nachempfunden und brachte das Ziel des Vereins auf dem Punkt: eine Anbindung des Autoverkehrs aus der Innenstadt und des Gewerbegebiets Zinkhütte über die Trasse des alten Bahndamms geradlinig bis zur A4 in Frankenforst.

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Der neue Nachhaltige Mobilität GL e.V. zeigt im Logo grüne, gelbe und blau Pfeile, auf der noch ganz frischen Website radelt ein Mädchen durch den Turbokreisel, während die Autos ihr, einem Fußgänger und einem Kind auf einem Roller, die Vorfahrt einräumen.

Und dennoch habe sich der „neue“ Verein gar nicht so weit vom alten wegbewegt, erläutert der neue und alte Vorsitzende David Roth im Gespräch: Der Ausgleich der Interessen aller Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer habe schon immer in der Satzung des Vereins gestanden. Von der Überzeugung, dass der Autobahnzubringer auf dem Bahndamm ein Allheilmittel sei, habe sich der Verein inzwischen aber gelöst.

Das Ziel des neu aufgestellten Vereins sei es, einen Diskurs zwischen Politik, Stadtverwaltung und der Bevölkerung zu organisieren. Mit dem Ziel, aus den vielen nicht verbundenen Einzelmaßnahmen ein Gesamtkonzept für die Stadt zu entwickeln, auf dessen Basis man die Verkehrssituation Stück für Stück verbessern könne. Bis 2028 soll der Verkehr „spürbar effizienter, bedarfsgerechter und harmonischer“ gestaltet werden.

Mit dem hydraulischen Prinzip zu mehr Effizienz

Der Grundansatz dahinter, erläutert Vorstandsmitglied Georg Sprenger, folge einem Modell aus der Physik – dem hydraulische Prinzip. Es zeigt auf, wie Flüssigkeiten verschiedene Wege nutzen, um den Druck ausgleichen. Auf dieser Basis, so der Bauingenieur Sprenger, würden zum Beispiel die Besucherströme in Mekka effizient gelenkt – und so könne man auch den ewigen Stau in Bergisch Gladbach auflösen.

Für kleinteilige Einzellösungen können Sprenger und Roth viele Beispiel nennen – aber eigentlich schwebt ihnen ein Entwurf aus einem Guss vor, für die ganze Stadt und eben für alle Menschen, die sich in Bergisch Gladbach bewegen: zu Fuß, mit dem Rad, mit Bus oder Bahn und natürlich auch mit dem Auto.

Entscheidungen „nach politischer Couleur“

Dabei spart Sprenger nicht an Kritik: Er habe oft das Gefühl, dass die politischen Entscheider nicht an echten Lösungen interessiert seien, sondern nach politischer Couleur urteilen würden. Oft werde lange beraten – und dann nichts umgesetzt. Zum Beispiel in Herkenrath, wo zwar drei Büros beschäftigt worden seien, aber noch nicht einmal die vorgeschlagene Anpassung der Ampelschaltung gekommen sei.

Roth betont, dass das Verkehrssystem nicht nur in Zukunft, sondern auch jetzt funktionieren müsse, statt einer Verkehrswende beobachte er aber eher eine „Verkehrsverhinderung“. Die Förderung des Radverkehrs sei gut und wichtig, komme aber auch an ihre Grenzen. „Das Auto ist da und sollte nicht brutal aus der Stadt verdrängt werden“, sagt Sprenger.

Statt dessen seien Vernetzung und Verknüpfung jetzt wichtig, zum Beispiel die Anbindung des Autoverkehrs an die S-Bahn-Haltestellen, fordert Sprenger: „Wenn die S 11 in fünf Jahren alle zehn Minuten verkehrt fährt doch niemand mehr mit dem Auto nach Köln rein.“

10-Punkte-Plan gemeinsam entwickeln

Einen 10-Punkte-Plan kündigt der Verein an, will dafür aber zunächst einmal alle Ideen einsammeln, sortieren und bewerten.

Auch bei den großen anstehenden Projekten, dem S-Bahn-Ausbau, der Gestaltung einer nachhaltigen Verkehrsinfrastruktur auf dem Zanders-Areal sowie der Sanierung der Altenberger-Dom-Straße will der Verein „unterschiedliche Perspektiven der Betroffenen zusammenbringen“ und damit „den Prozess der Lösungsfindung aktiv, konstruktiv und parteiübergreifend“ unterstützen.

Grundsätzlich versteht sich der Verein, der immer als Unternehmer-nah galt, schon als Gruppierung „von Gleichgesinnten“, die sich austauschen, Rat von außen einholen und aktiv Lösungsvorschläge entwickeln. Diese Ideen sollten dann im zweiten Schritt im offenen Diskurs mit anderen Organisationen der Stadtgesellschaft, mit Interessenvertretungen, der Politik und der Stadtverwaltung diskutiert werden. Diesen Austausch will der Verein dann auch gleich selbst organisieren.

Bei der Stadtverwaltung habe man für dieses Anliegen sehr viel Wohlwollen registriert. „Wir wollen nicht gegen die Stadt agieren, sondern ein positive Ergebnis für alle erreichen“, sagt Roth.

Der Bahndamm zwischen der Innenstadt und Bensberg ist weitgehend intakt, die Natur hat die Gleise aber fast verschlungen.

Und was wird aus dem alten Bahndamm?

Den alten Bahndamm von der Stadtmitte bis nach Frankenforst als Straße zu nutzen halten Roth und Sprenger immer noch für eine gute Idee, sie sind aber für andere Nutzungen und Kombinationen offen.

Diese Trasse, als Verkehrsweg gewidmet, sei ein „echtes Kleinode“, betont Sprenger. Daher wäre es sträflich, sie nicht als Achse für Mobilität zu nutzen.

Ob für Fahrräder, Bus, Bahn oder eben doch für Autos, das müsse man in Ruhe und gemeinsam prüfen und diskutieren. Auch eine Tunnellösung für die dicht bewohnten Gebiete sei eine Option.

„Wir wollen eine nachhaltige Lösung für alle“, sagt Roth, „wir setzen und für eine lebendige Stadt ein, gegen Stillstand und Dogmatismus.“

Offen für Dialog

Der gut 100 Personen große Verein bittet die Bürgerschaft, Initiativen und Interessensgruppen um Vorschläge für eine zukunftsfähige Verkehrspolitik – und ist für neue Mitglieder offen. Mehr Infos gibt es auf der (neuen) Website.

Zudem ist eine Facebook-Gruppe geplant, mit der auch jüngere Bürger:innen erreicht werden sollen.

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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  1. 1. Für den Inhalt der neuen Webseite des Vereins ist die AO Profil GmbH redaktionell verantwortlich, deren Geschäftsführer Oliver Schillings Mitglied im Vorstand der CDU Bergisch Gladbach ist. Insofern erreicht der Verein sein Ziel des „Diskurses mit der Politik“ vielleicht bereits durch personelle Überschneidungen.

    2. Die Ausführungen zum “hydraulischen Prinzip” sind Unsinn, weil bei Menschenmengen oder im Straßenverkehr keine inkompressiblen Medien vorkommen. Deswegen kommt dieser Begriff in diesen Zusammenhängen in der Fachliteratur auch nicht vor.

    3. Der Verweis auf die angeblich „effizient gelenkten“ Besucherströme in Mekka erscheint mir im Hinblick auf die dort wiederholt aufgetretenen tragischen Massenpanikereignisse zynisch.

    4. Automobilität ist nicht nachhaltig. Da sich der Verein offenbar für die Auto-Lobby einsetzt, ist der Vereinsname meiner Meinung nach irreführend.

  2. Lieber Herr Sprenger,
    ich bin ganz an Ihrer Seite. Denn jedes Jahr wird sogar ganz offiziell im Rahmen des ‚Stadt- und Kulturfestes‘ gnadenlos dokumentiert, „wie das Auto brutal aus unserer Stadt verdrängt“ wird. Die Autohäuser werden gezwungen, alle ihre Angebote in der Fußgängerzone zur Schau und an den Pranger zu stellen.

  3. Schön zu sehen, dass selbst so ein Verein langsam zur Vernunft zu kommen scheint.

    Im Jahr 2023 ernsthaft noch einen dicken Autobahnzubringer mitten durch ein Naturschutz- und Wohngebiet bauen zu wollen (was allein schon an der von der EU geforderten Umweltverträglichkeitsprüfung scheitern würde) ist an Rückständigkeit wohl kaum noch zu überbieten. Wenn selbst die 60er Jahre dieses Projekt nicht zustande gebracht haben, will das schon etwas heißen.

    Wer sind eigentlich die Mitglieder in diesem Verein?
    Die Lobbyvertretung der Krüger Group, ein paar Gladbacher, die gerne schneller zur A4 kommen würden und ein paar Teilnehmer der Facebook-Gruppe “Fridays for Hubraum”? Oder wer ist hier sonst noch so stark motiviert, seine Zeit in ein derartiges Projekt zu investierten?

    Ob eine Fahrradtrasse auf den ehemaligen Bahndamm eingerichtet werden könnte, ist allerdings eine interessante Frage.

    P.S.: Bevor hier die üblichen Unterstellungen kommen: Ich bin deutlich häufiger mit dem Auto als mit dem Fahrrad unterwegs. Und fühle mich auch nicht “geschunden”. Wer sich als Autofahrer “geschunden” fühlt, könnte ja auch mal darüber nachdenken, zum Bus-, Bahn- oder Fahrradfahrer zu werden.

    1. 1.) Es ist kein Naturschutzgebiet. Nur das Stück am Golfplatz würde ein Landschaftsschutzgebiet schneiden.

      2.) Es gibt bereits einen schönen Radweg, der am Fuße des Bahndamms entlang fährt.

      Es sollte eher über eine KVB-Linie vom Bahnhof-GL nach Frankenforst geplant werden.

      1. Diesen Radweg befahre ich seit über 20 Jahre regelmäßig. Ich kenne ihn nicht ohne Schäden, zwischen der Bahndamm-Unterführung in der Senke und dem Bolzplatz gibt es zahlreiche “Hubbel” durch Wurzeln der benachbarten Bäume. Am Wendekreis der Robert-Schuman-Straße muss man über den engen Fußweg, die Kurven dort sind nicht einsehbar. Um den Sieglindenweg zu kreuzen, muss ich anhalten, da ich den Querverkehr sonst nicht einsehen kann. Und insgesamt ist dieser Weg ein ständiges Auf und Ab.

        “Schön” wäre ein übersichtlicher, kreuzungsfreier, ebener Radweg *auf* dem Bahndamm.

  4. Man darf auch die anfallenden Kosten und Folgekosten für jede Straße, die neu gebaut oder verbreitert wird, nicht aus dem Blick verlieren. Autofahrer werden meines Erachtens immer anspruchsvoller, insbesondere was Fahrbahndecken angeht. Will man sich das wirklich antun?
    Für Herstellung und Erhalt müssen schließlich ALLE Bürger gleichermaßen aufkommen, nicht nur diejenigen, die nicht einsehen bzw. zu dumm sind einzusehen, dass sie sich (zum Wohle aller) auch mal andere Möglichkeiten der Fortbewegung (zu Fuß?, Bus?, Bahn? Fahrgemeinschaft? oder Fahrrad?) überlegen sollen.

  5. Endlich wieder eine Interessenvertretung für die geschundenen Autofahrer, die sich traut den Mund aufzumachen und für die Interessen aller (autofahrenden) Verkehrsteilnehmer aktiv einzutreten. Den Deckmantel der Nachhaltigkeit hätte es nicht gebraucht, es ist doch für alle ersichtlich das sich die arg vernachlässigten Autofahrer gegen den neuartigen Radfahrterrorismus in dieser Stadt wehren müssen. Mein Beifall habt ihr.

    1. Hallo Claudia W., mich und meine Interessen als (autofahrenden) Verkehrsteilnehmer vertritt durch diesen Verein niemand. Und ich fühle mich in Bergisch Gladbach auch nicht arg vernachlässigt als Autofahrer, ganz im Gegenteil. Schauen Sie sich doch mal die Verkehrsinfrastruktur an. Parkplätze an allen Orten, breite Straßen wohin man schaut.

      Ich verwehre mich auch dagegen als Radfahrer mit kriminellen Gewaltaktionen (Sie schreiben von Radfahrerterrorismus; Vorsicht mit solchen Äußerungen!!!) in Verbindung gebracht zu werden.

    2. @Claudia W. Das ist Satire. Oder? Ich hoffe doch sehr. Das kann nur Satire sein.

      Und was die Einschätzung zu den Vereinszielen angeht, wären zwingend weitere Infos vor allem zum versprochenen 10-Punkte Plan hilfreich. Ich sehe den Wandel vom Autobahnzubringer-Verein zur “nachhaltigen Mobilität” sehr skeptisch. Lasse mich aber gerne überraschen. Potential hat unsere Stadt in jedem Fall ausreichend.

      Ich will nur hoffe, dass das im Grundsatz sehr redlich klingende aber sehr allgemein gehaltene Ansinnen nicht so eine Pleite wie mit dem “Parkraumschutzgebiet” in Bonn gibt.

      https://www.hausundgrund.de/verein/bonn-rhein-sieg/aktuelles/verkehrskampagne-der-bonner-wirtschaft

    3. Wenn Ihre hanebüchene Formulierung „…vernachlässigte Autofahrer gegen den neuartigen Radfahrerterrorismus..“ keine Satire ist sondern Ihr (die Wirklichkeit auf den Kopf stellender) Ernst , muss ich mich für Sie zutiefst fremdschämen.
      Sie können ganz „beruhigt“ sein, bei „unserem“ Autoverkehrsminister Wissing und der mächtigen Autolobby läuft es ganz in Ihrem (ewiggestrigen) Sinne.

    4. Genau, man muss endlich was gegen die brutale Verdrängung der Autos aus Bergisch Gladbach unternehmen! Jetzt oder Ironie!

  6. Wer glaubt, dass aktuell in Bergisch Gladbach – of all places – das Auto “brutal aus der Stadt verdrängt wird” glaubt auch, junge Menschen mit einer Facebook-Gruppe zu erreichen.

    1. Die Webseite erscheint auch mir sehr rudimentär. Ich finde keine Vereinssatzung, keine Auflistung der zehn Punkte des Zehn-Punkte-Plans, von dem dort die Rede ist, und auch keine Liste der Vorstandsmitglieder. Und der Button “Hier finden Sie Aktuelles auf einen Blick” führt mich auf die Seite, auf der ich gerade bin. (Oder ich oder meine Browser haben das alles übersehen, dann bitte ich um Hinweise.)

    2. Wie beschrieben, den 10-Punkte-Plan kündigt der Verein an, er will dafür aber zunächst einmal alle Ideen einsammeln, sortieren und bewerten.

      1. Danke! Aus Zeitgründen hatte ich mich direkt zur Primärquelle, also der Webseite des Vereins, weitergeklickt. Das Bürgerportal als Sekundärquelle ist aber in der Tat deutlich ausführlicher und informativer – das sollte man also immer zuerst lesen. Es sollte dann aber nicht schreiben “Mehr Infos gibt es auf der (neuen) Website.” ;-)

  7. Guten Morgen

    Der Bahndamm wird schon seit Jahren nicht genutzt.
    Es wäre doch eigentlich von Vorteil eine Radstrasse zu Bauen die bis nach Bensberg führt. Da die sowieso Fahradunfreundlich ist. Wäre die schon ein Meilenstein?.
    Man gucke als Beispiel die Trasse. An der ehemaligen Milchfabrik TUFFI. In der nähe Lindlar.

  8. „Zudem ist eine Facebook-Gruppe geplant, mit der auch jüngere Bürger:innen erreicht werden sollen.“

    Auf welche Altergruppe zielt das denn ab? U40 erreicht man wohl nicht mehr über Facebook-Gruppen, wahrscheinlich wäre eine Instagram-Seite (oder eine Kombination aus verschiedenen Kanälen) sinnvoller.

    1. Das unterstütze ich sehr. Ein Instagram Account des Vereins hätte mit Sicherheit einen hohen Unterhaltungswert.