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Ein traurig-schöner Roman über eine besondere Familie, ein politisches Buch über gesellschaftliche Rückwärtsbewegungen und ein Roman über eine weibliche Odyssee.

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles.
Piper Verlag 2017, € 18,00.

Dieser Roman erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie. Georges und seine Frau gestalten ihre temporeiche Ehe voller Phantasie. Jeder Tag ist anders, unvorhersehbar und aufregend. Der kleine Sohn genießt eine liebevolle Erziehung ohne Grenzen und Regeln. Voller Bewunderung beobachtet er seine Eltern, die bei jeder Gelegenheit zu ihrem Lieblingslied tanzen, rauschende Partys feiern und nach ihren eigenen Vorstellungen leben. Welche Mutter ändert schon jeden Tag ihren Namen und siezt jeden, selbst ihren Mann? Erzählt wird aus der Sicht des Sohnes und manchmal auch aus der Perspektive des Vaters.

Ab der Mitte des Buches beschleicht den Leser das Gefühl, dass etwas in dieser Familie nicht stimmen kann. Mit jeder weiteren gelesenen Seite weicht die Leichtigkeit. Immer stärker zeigt sich Verzweiflung, immer spürbarer werden depressive Phasen der Mutter, immer klarer wird eine bedrohliche Ausweglosigkeit. Trotz ihrer tiefen Liebe und ihres starken Zusammenhalts scheint eine Katastrophe für die Drei unausweichlich zu sein.

Der Sohn beschreibt die Krankheitsphasen der Mutter etwas naiv und ohne spürbare Furcht, weil sie für ihn nicht „krank” ist. Dadurch deprimiert die Geschichte den Leser nicht, obwohl sie sehr traurig ist. In Frankreich ein Überraschungserfolg, der mit einigen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Ein schönes Buch mit einer schönen Sprache.  (Viviana Domokos)

Die große Regression.
Suhrkamp Verlag 2017, € 18,00.

Was ist eigentlich los mit uns, mit unserer Zeit, mit unserem Land, mit Europa, mit der Welt? Fast täglich erreichen uns erschütternde Nachrichten über politische Phänomene, die wir noch vor wenigen Jahren für undenkbar hielten. Nationalistische, antidemokratische Parteien und Politiker auf dem Vormarsch, Demagogen auf Führungspostionen in den USA, Fremdenfeindlichkeit als anerkannte und erfolgversprechende politische Strategie, Verlust der Glaubwürdigkeit von Journalisten.

Das alles lässt sich unter der Überschrift „Die große Regression“ zusammenfassen. Es findet eine Rückwärtsbewegung statt, dicht und weltumfassend, wie es wohl niemand erwartet hätte.

Jetzt kommt die gute Nachricht: Es gibt namhafte, kluge, internationale Experten, allesamt Koryphäen auf ihren Gebieten, die sich mit der Regression befassen. Sie sind versammelt in diesem großartigen Buch.

Das Autorenregister liest sich wie ein Who is Who der zeitgenössischen Intellektuellen: Da ist zum Beispiel Pankaj Mishra, der es wie kein anderer versteht, uns Europäern vorzuführen, wie unglaublich fruchtbar und effektiv ein Perspektivwechsel sein kann. Seine vor Klugheit strotzende Interpretation der Moderne, seine Benennung von dunklen Traditionen der Aufklärung – allein dieser Text würde schon den Kauf des Buches lohnenswert machen.

Doch dann sind da noch weitere, nicht minder herausragende Beiträge von Zygmunt Bauman, Paul Mason, Oliver Nachtwey, David Van Reybrouck, Slavoj Zizek und und und.

Pia Patt und Birgit Jongebloed führen die Buchhandlung Funk in Bensberg

Dies ist eines der wichtigsten politischen Bücher aus diesem Jahr. Es wird bestimmt einmal zur Standardlektüre von Politikern, Journalisten und allen denjenigen gehören, die sich abseits der
Tageszeitung für politische und gesellschaftliche Entwicklungslinien interessieren. Sie merken schon, ich bin absolut begeistert von diesem bemerkenswerten Buch.

Das Tagesgeschehen lässt sich durch diesen Sammelband gut in größere Zusammenhänge einordnen. Es ist ein anspruchsvolles Buch und die Lektüre wird ein wenig Arbeit machen, aber Sie werden es nicht bereuen. (Birgit Jongebloed)

Rachel Cusk: Transit.
Suhrkamp 2017, € 20,00.

Faye, Schriftstellerin, frisch geschieden, kehrt mit ihren Söhnen nach London zurück. Über ihr Leben erfahren wir nicht viel, ihre Person bleibt merkwürdig undeutlich. Eine Romanhandlung könnte ich ebenfalls nur sehr vage wiedergeben, und das liegt am ungewöhnlichen Erzählstil.

Zwar wird die Geschichte in der Ich-Form aus Fayes Perspektive erzählt, aber sie hält sich mit Wertungen und mit Beschreibungen ihrer eigenen Gefühls- und Gedankenwelt extrem zurück. Stattdessen gibt Faye eigentlich nur ihre intensiven Unterhaltungen mit Bekannten und Fremden wieder, die sie zufällig trifft.

Dabei treten die Persönlichkeiten der Gesprächspartner scharf hervor. Sie öffnen sich in einer teilweise fast unheimlichen Weise, denn Faye scheint eine ausgesprochen gute Zuhörerin zu sein. Sie fällt anderen nicht ins Wort, ermutigt sie, sich zu öffnen, hat darüber hinaus eine scharfe Beobachtungsgabe.

Schnell gewöhnt sich der Leser an diese andersartige, merkwürdige Erzählweise und beginnt, in diesen Gesprächen indirekt auch Faye selbst entdecken zu wollen. Das ist schon sehr besonders: Die Person, deren Perspektive wir teilen, bleibt auffällig unscharf und tritt vollkommen in den Hintergrund, wohingegen alle anderen, unbedeutenden Personen quasi auf uns einstürmen und sowohl Faye als auch uns fast ein wenig überfordern in ihrem Streben, uns noch ihre kleinste Befindlichkeit aufzuzeigen.

Der Verlag nennt das eine „weibliche Odyssee im 21. Jahrhundert“. Darunter konnte ich mir anfangs nicht viel vorstellen, aber nun finde ich, das ist eine perfekte Beschreibung für einen perfekten, literarischen, gut lesbaren Roman von einer spannenden Autorin, von der ich noch mehr lesen möchte. 

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Birgit Jongebloed

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

Sie können alle Bücher in unserem Online-Shop bestellen.

Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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