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Unsere Buchtipps stellen Ihnen diesmal für fast jede Lebenslage das richtige Buch vor! Für die Suche nach persönlichen Einsichten. Für die Auseinandersetzung mit der komplexen Zukunft. Zum Abtauchen, Weinen und Kichern. 

Für alle, die sich fragen, ob sie eigentlich mit dem, was ihr Leben hätte sein können, jemals in Kontakt geraten sind: 

Simon Strauß: Sieben Nächte
Blumenbar Verlag, € 16,00

„In einem waren wir uns immer einig: Dass die Welt, so wie sie war, mehr Zauber gebrauchen könnte”.

Ein junger Mann erzählt von seiner Sorge, plötzlich endgültig erwachsen und im Alltag gefangen zu sein. Er fürchtet sich, nie das „echte“ Leben gespürt zu haben. Seine Jugend hat er in einer „Wohlfühlblase“ verbracht und nie Gefahr kennengelernt. Irgendetwas fehlt ihm. Deshalb wird er sieben Nächte lang die sieben Todsünden begehen und das Erlebte schriftlich festhalten,

„… um nach dem Sturm zu suchen, ihn selbst zu entfachen.”

Die sieben Nächte sind mal ereignisreich, mal bestehen sie fast ausschließlich aus innerem Erleben. Das Besondere an diesem Buch ist die Sprache: Sie ist streckenweise ein wenig altertümlich, anklagend, dann wieder eher karg, trotzdem wuchtig. Der Tonfall ist immer ausdrucksstark, intensiv und voller Glut.

Ist die Leere, die der Ich-Erzähler empfindet, ein allgemein anzutreffendes Lebensgefühl der Millennials, die nach dem Kalten Krieg aufgewachsen sind? Empfindet so die Generation, die große gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen nicht erlebt hat?

Man könnte dem Roman vorwerfen, dass der hier beklagte Wohlstand nicht der Lebenssituation der Allgemeinheit entspricht, dass Wohlstand und Sorgenlosigkeit eher nicht das primäre Durchschnittsproblem von Heranwachsenden in Deutschland ist. Da der Roman aber wie ein innerer Monolog auf der Suche nach Bedeutung wirkt, kann man ihn gut als Kunstprodukt lesen und genießen.

Dieser ungewöhnliche Debütroman stammt von einem Theaterredakteur der FAZ, der ein großes poetisches Talent und umfangreiche Kenntnis des Literaturkanons aufweisen kann (außerdem ist er auch noch Sohn von Botho Strauß, aber das nur der Vollständigkeit halber).

Die Geschichte ist eine gelungene künstlerische Verarbeitung des Kampfes gegen ein ausgehöhltes Leben. Ein Roman des Aufbruchs, der Suche nach Einsichten und Wahrheiten.

Ich habe beim Lesen ständig das Gefühl gehabt, ich würde einen Text aus einer lange vergangenen literarischen Epoche lesen. Bewundernswert, dass jemand so schreiben kann.

Für alle, die mit simpel gestrickten Erklärungsversuchen nichts anfangen können und sich gern in komplexen Gedankengängen aufhalten:

Yuval Noah Harari: Homo Deus 
C.H. Beck Verlag 2017, € 24,95

„Es liegt in unserer Macht, die Dinge zum Besseren zu wenden und Leid noch weiter zu verringern.”

Nicht mehr ganz brandneu ist dieses visionäre Sachbuch. Es ist bereits im Frühjahr 2017 erschienen, aber bisher habe ich versäumt, es Ihnen ausführlich vorzustellen. Das sei hiermit nachgeholt. Denn es ist ein ungewöhnliches, lesenswertes Buch, das sich nicht in die üblichen thematischen Kategorien einteilen lässt.

Es ist kein Geschichtsbuch, es ist kein Buch, das sich mit Zukunftstechnologie befasst, es ist kein soziologisches oder philosophisches Buch. Es ist etwas von allem. Es bietet unter intensiver Betrachtung von historischen Entwicklungslinien einen Ausblick darauf, wie die Welt morgen sein könnte.

Bei der Entwicklung einer Vorstellung von der zukünftigen Cyberwelt spielen Elemente, die zunächst dystopisch anmuten, eine große Rolle. Es ist verstörend, sich den Einfluss künstlicher Intelligenz auf unser alltägliches, uns gar nicht bewusstes Empfinden und Verhalten vorzustellen – aber erleben wir das nicht schon heute, wenn Algorithmen unser Einkaufsverhalten bestimmen und für uns auswählen, welche Suchergebnisse uns bei einer vermeintlich neutralen Internetrecherche serviert werden?

Das macht das etwas Unheimliche an diesem Buch aus. Viele Rezensenten empfinden diese Zukunftsvision als einen zwar düsteren, aber leider wohl auch realistischen Entwurf.

Ich meine allerdings nicht, dass dieses trübe Zukunft zwangsläufig eintreten wird. Denn Harari betont, dass er seine Prophezeiungen zwar für wahrscheinlich hält, aber uns dadurch, dass er sie ausspricht, auch die Möglichkeit gibt, über Alternativen nachzudenken und die Zukunft zu verändern. Ausgeliefert ist man der Zukunft nicht, im Gegenteil. Man kann sie beeinflussen – wenn man weiß, mit welchen Herausforderungen man es zu tun hat.

Pia Patt und Birgit Jongebloed führen die Buchhandlung Funk in Bensberg

Dennoch wird das immer schwerer in einer immer unüberschaubareren Welt: Denn historisches Wissen kann zwar das Verhalten verändern. Dieses Wissen verliert aber paradoxerweise rasch seine Relevanz, schreibt Harari in einer der beeindruckendsten Passage des Homo Deus.

Wie das? Gerade durch die hohe Geschwindigkeit, mit der heute unser Wissen wächst, ergeben sich immer schnellere Veränderungen in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht. Wenn wir diese Veränderungen verstehen wollen, führt dieser Verstehensprozess zu weiterer Anhäufung von Wissen, was wiederum zu weiteren, noch schnelleren Veränderungen führt:

„Folglich sind wir immer weniger in der Lage, die Gegenwart sinnvoll zu deuten oder die Zukunft vorherzusagen.”

Sie sollten dieses Buch lesen. Es wird Ihnen ganz neue Welten eröffnen.

Und nun ein Buch für alle, die ein paar Tage abtauchen und sich wohlfühlen möchten:

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann
DuMont Buchverlag 2017, € 20

„Elsbeth deutete auf das Efeu. „Ich will das Zeug eigentlich abschneiden, aber eigentlich auch nicht“, murmelte sie. Die Gartenschere lehnte am Stamm des Apfelbaums. „Und was spricht dagegen?“, fragte ich. „Efeu ist manchmal ein verzauberter Mensch“, erklärte Elsbeth, „und wenn er als Efeu die Baumkrone erreicht hat, ist er erlöst.“ „Apropos Aberglauben“, begann ich. „Die Frage ist jetzt“, sagte Elsbeth, „erlöse ich den Menschen oder den Baum?“ Das Efeu umrankte bereits den oberen Teil des Stammes. „Ich würde mich für den Baum entscheiden“, sagte ich. „Wenn es ein Mensch ist, ist er ja schon über die Hälfte erlöst. Das ist mehr, als man von uns allen sagen kann.“

Selma, eine ältere Dame aus einem Dorf im Westerwald, träumt manchmal von einem Okapi. Ein Okapi ist ein abwegiges Tier. Eine wilde Mischung aus Zebra, Giraffe, Reh und Maus, das ist ebenso unwahrscheinlich wie die Tatsache, dass immer ein Mensch aus dem Dorf stirbt, wenn Selma im Traum ein Okapi getroffen hat. Aber Unwahrscheinlichkeiten können wahr werden, denn so ist das Leben nun einmal. Davon und von Liebe in all ihren Facetten handelt dieser wunderbare Roman, der sehr viele Leser finden wird und all diese glücklichen Menschen, die ihre (erste) Lektüre noch vor sich haben, sehr sehr froh machen wird.

„Wenn ich unten bei Selma schlief, erzählte sie mir am Bettrand Geschichten mit guten Enden. Als ich kleiner war, hatte ich nach den Geschichten immer ihr Handgelenk umfasst, meinen Daumen auf ihren Puls gelegt und mir vorgestellt, dass die ganze Welt alles im Rhythmus von Selmas Herzschlag tat.”

Es gibt viel zu entdecken in diesem wunderbaren Roman. Jeder Dorfbewohner hat seine ganz besondere Schrulligkeit.

Der Optiker, der einer geheimen, allseits bekannten Leidenschaft frönt. Selma, die ein Faible für Mon Cheri hat und Rudi Carrell ähnelt.

Die ewig schlecht gelaunte Marlies, die eine ganz außergewöhnliche Alltagskleidung trägt.

Die abergläubische Elsbeth, die gegen alle möglichen Schicksalsschläge ein Mittelchen kennt, aber nicht an die Wirkungskraft von Sternschnuppen glaubt.

Der Vater, der gern außergewöhnliche Geschenke macht, etwa einen Irischen Wolfshund in Standardpudelgröße.

Und schließlich Luise, aus deren Perspektive hauptsächlich erzählt wird, die ich nach der Lektüre dieses Buches nun so gut kenne, als hätte sie nicht ins ferne Japan 700 Briefe geschrieben, sondern mir.

Die Sprache passt zu den skurrilen Personen, warum, kann ich gar nicht so ganz genau sagen. Es gibt viele Ausdrücke, Beschreibungen und Motive, die sich oft wiederholen und dadurch eine tiefere Bedeutung schaffen, eine Dichte herstellen, eine ganze Welt kreieren. Wahrscheinlich kann man deshalb so gut in dieser Geschichte versinken. Andererseits lassen diese Wiederholungen auch sehr komische, schräge Situationen entstehen.

Normalerweise bin ich eher eine „kühle“ Leserin und schätze es gar nicht, wenn mich Bücher zum Weinen bringen, aber tatsächlich sind mir zeitweise in diesem Westerwald ganze Tränenbäche übers Gesicht geflossen, unterbrochen von heftigen Kicherattacken, und das hat mir sehr gut gefallen. Idealerweise liest man das Buch also ohne Gesellschaft. Mein absolutes Lieblingsbuch 2017!

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Birgit Jongebloed

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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