Bild aus der Vorkriegszeit, im Hintergrund die alte Schule am Concordiaweg. Hinter den Feuerwehrmännern steht Frau Büscher, die lebende Brandsirene.

Die Geschichte der Schildgener Feuerwehr beginnt mit einem Gastwirt und einer wandelnden Brandsirene: Frau Büscher. Seither ist viel passiert, mittlerweile wartet die Löschgruppe auf ihr neues Feuerwehrhaus.

Es war der 5. Januar 1908, als die Gemeinde Odenthal eine Freiwillige Feuerwehr gründete. Die gut 90 Mann starke Gründungsmannschaft teilte sich in viersogenannte Halbzüge auf: Blecher, Scherf, Scheuren und Schildgen.

Dem Halbzug Schildgen gehörten 22 Wehrmänner an. Sie wurden geführt von Wilhelm Schankweiler – dem Wirt der Gaststätte Schankweiler (heute Olivenhof).

In den 1930er-Jahren wurde aus dem „Halbzug Odenthal Schildgen“ die „Löschgruppe Schildgen“, immer noch unter dem Dach der Freiwilligen Feuerwehr Odenthal. Da es keine Schulungs- und Versammlungsräume gab, traf man sich lange Zeit in der Gaststätte Cramer in Scharrenberg.

Die Löschgruppe Mitte der 1930er-Jahre. In der Nazi-Zeit hieß die Feuerwehr „Feuerschutzpolizei“, auf der Uniform war ein Reichsadler mit Hakenkreuz abgebildet.

Erst 1938 bekam die Löschgruppe Schildgen ein eigenes Fahrzeug: einen Horch PKW mit Anhänger für die tragbare TS8-Pumpe. Einzige Unterstellmöglichkeit war eine Garage auf dem Schulgelände der heutigen Concordiaschule. Sie wurde zum ersten Gerätehaus der Schildgener Feuerwehr.

„Die nächste Nachbarin war Frau Büscher. Wenn es irgendwo brannte, ist sie mit dem Fahrrad und dem Brandhorn durch Schildgen gefahren und hat Alarm geblasen“, erzählt Peter Josef Meuten. Mit seinen 75 Jahren ist Meuten schon lange nicht mehr aktiv, aber wer einmal in der Feuerwehr war, bleibt ihr sein Leben lang verbunden.

Wir haben Meuten und zwei seiner Kameraden zum Gespräch gebeten: einen, der noch früher Mitglied der Schildgener Löschgruppe war (Josef Schwind), und einen, der viel später dazukam (Michael Quirl).

Peter Josef Meuten, Josef Schwind, Michael Quirl und Laura Geyer

Ein Gerätehaus ohne Fahrzeug

Josef Schwind trat 1950 in die Feuerwehr ein. 1963 wurde er stellvertretender Leiter der Löschgruppe, 1966 Leiter. Nach 44 Dienstjahren, davon 27 als Chef, wechselte er 1994 in die Ehrenabteilung.

Er erinnert sich noch gut an die Anfänge: „Als ich gerade bei der Feuerwehr begonnen hatte, haben wir versucht, den Horch noch mal ans Laufen zu kriegen. Er war sehr schwach. Soweit ich weiß, war er auch vor dem Krieg nie benutzt worden.“ Der Horch wurde verschrottet, fortan stand im Gerätehaus auf dem Schulhof nur noch der Anhänger mit der TS8-Pumpe und den passenden Schläuchen – aber kein Fahrzeug.

Die Löschgruppe in den 1950er-Jahren vor ihrem Gerätehaus. Vorne mittig ist Josef Schwind zu sehen.

Und hier kommt Peter Josef Meuten ins Spiel, beziehungsweise erst einmal sein Vater Peter: Dieser betrieb in Schildgen einen Kohlenhandel und hatte nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Fahrer. Einer von ihnen war „Scheng Keller“, genau wie Peter Meuten ein Feuerwehrmann.

Wenn Frau Büscher Alarm schlug, schnappte er sich sein Motorrad, fuhr zu Meutens auf den Kohlenhof, stieg ins Auto, holte den Anhänger aus dem Gerätehaus, und los ging es an den Einsatzort.

Als Mitte der 1960er-Jahre Pläne aufkamen, die alte Schule abzureißen und an ihrer Stelle neu zu bauen, musste auch die Feuerwehr das Schulgelände verlassen. Peter Meuten vermietete der Löschgruppe eine Garage auf seinem Kohlenhof; 1972 wurde die Concordiaschule eingeweiht.

Erst kurz vor dem Umzug hatten die Männer ein neues Fahrzeug bekommen: einen VW-Bus mit Spritze, ein sogenanntes Tragkraftspritzenfahrzeug. Um 1965 kam ein aussortiertes Tanklöschfahrzeug von Ford hinzu – dem Arbeitgeber von Franz Josef Lichtenberg, seit 1963 Leiter der Löschgruppe Schildgen.

Das neue Tragkraftspritzenfahrzeug

Suche nach neuem Feuerwehrhaus

Zu dieser Zeit trat auch Peter Josef Meuten den Dienst an. Er verpflichtete sich für fünf Jahre bei Feuerwehr und Katastrophenschutz – als Alternative zur Bundeswehr. Meuten blieb 40 Jahre aktiv, zwölf davon als stellvertretender Leiter unter Josef Schwind, bevor er mit seinem 60. Geburtstag in die Ehrenabteilung überging.

Damals, als er anfing, war das Alarm-System der Schildgener Löschgruppe bereits etwas fortschrittlicher: Auf dem Dach des neuen Gerätehauses war eine Sirene installiert worden. „Jeden Samstag um 12 Uhr hatten wir einen Probealarm“, erzählt Meuten. „Später bekamen wir Melder, mit denen man per Funk zum Einsatz gerufen wurde. Manchmal sehr unverständlich.“

Michael Quirl schmunzelt und sagt: „Heute haben wir Melder mit Text, die sind zuverlässiger. Und der Alarm kommt neuerdings von der Leitstelle im Kreishaus.“ Quirl – Neffe von Christel Polito, unserer Gesprächspartnerin im Februar und im Mai – ist seit 25 Jahren bei der Schildgener Feuerwehr, seit 2017 als deren Leiter.

Die Löschgruppe ist seit 1965 am gleichen Standort. 2008 kam ein Containeranbau hinzu, ansonsten hat sich nicht viel geändert. „Wir sind sehr dankbar, dass Peter Josef Meuten unseren Mietvertrag immer wieder verlängert“, sagt Michael Quirl. Denn: Die Suche nach einem neuen Gerätehaus zog sich über Jahrzehnte hin.

Es war schwer, ein Grundstück zu finden, das den Anforderungen entsprach. „Für uns war es ein Glück, dass die Stadt das Haus Pohle gekauft hat“, sagt Quirl. Ursprünglich wegen der Flüchtlinge, doch als die Unterkunft Ende 2017 schloss, war schnell klar: Hier ist der perfekte Standort für die Feuerwehr Schildgen.

Die Arbeiten laufen, 2020 soll die Löschgruppe einziehen können. Quirl freut sich darauf, als Freiwillige Feuerwehr in Schildgen sichtbarer zu werden, neue Aufenthalts- und Schulungsräume zur Verfügung zu haben. Außerdem hofft er auf einen höheren Freizeitwert, vor allem für die Jugendlichen. Im neuen Feuerwehrhaus soll es zum Beispiel einen Kicker- oder Billard-Tisch geben. „Wenn sich die Leute hier treffen und zusammen ihre Freizeit verbringen, stärkt das das Gemeinschaftsgefühl“, glaubt Quirl.

„Bei uns hieß das Kameradschaft“, sagt Peter Josef Meuten. „Das war für mich mit das Schönste in der Feuerwehr.“ Die Kameradschaft pflegte man bei gemeinsamen Unternehmungen, aber auch auf ganz spezielle Weise bei den Einsätzen.

Gemeinsame Unternehmungen gehörten ebenso zum Feuerwehralltag wie die Einsätze. Hier sind die Schildgener im Jahr 1955 bei einem Ausflug an die Ahr zu sehen. Hinten rechts sitzt das junge Ehepaar Schwind.

Ein Großbrand und zwei tote Kameraden

Meuten erinnert sich noch gut an den größten Einsatz der Schildgener Feuerwehr. Es war der 21. Februar 1980. Seit fünf Jahren gehörte man nicht mehr zur Odenthaler Feuerwehr, sondern zu Bergisch Gladbach. Gegen 15 Uhr ging ein Alarm ein: Das Kardinal-Schulte-Haus brannte.

Das ehemalige Priesterseminar in Bensberg wurde damals zu einem Teil als Altenheim, zum anderen als Akademie genutzt. Die Schildgener, damals 20 bis 25 Männer, wurden einem Einsatzabschnitt zugeteilt, zusammen mit den Kameraden aus Gladbach.

Als die Feuerwehrleute eintrafen, drang schwarzer Rauch aus dem Dachstuhl. Der damalige Leiter der Gladbacher Wehr, Werner Schütze, schätzte die Lage zunächst noch optimistisch ein. Doch bald musste das Altenheim evakuiert werden, die Flammen bahnten sich ihren Weg durch das Gebäude.

Schütze hatte inzwischen die Kölner Berufsfeuerwehr dazu gerufen, die mit mehreren Löschfahrzeugen, drei Leiterwagen, einem Großraum-Krankentransporter und einer mobilen Einsatzzentrale anrückte. Hinzu kamen Feuerwehrleute aus Rösrath, Kürten, Overath und anderen Städten mit 30 Fahrzeugen, 130 Personen der Hilfsdienste mit 15 Fahrzeugen, das Technische Hilfswerk mit 25 Helfern, die Polizei mit 38 Beamten und acht Streifenwagen.

Der Bensberger Heimatforscher Willi Fritzen schreibt in einem Augenzeugenbericht:

„Die Brandbekämpfung wurde immer schwieriger. Die lodernden Flammen hatten inzwischen auch die Vorderfront des Gebäudes ergriffen. Mit Getöse stürzte ein Teil des Dachstuhls ein. Dachziegel flogen prasselnd durch die Luft. Fensterscheiben sprangen unter der enormen Hitzeeinwirkung klirrend auseinander. Die Isolierschicht aus Bitumen unter dem Dach brannte wie Zunder. Das Wasser der Löschkanonen verdampfte wirkungslos auf den Schieferziegeln.“

Und dann geschah es. Ein Dreiertrupp der Gladbacher Feuerwehr versuchte, eine Brandschneise in den Dachstuhl zu schlagen. Die drei Männer waren voll ausgerüstet und trugen Atemschutzgeräte. Doch plötzlich explodierten Rauchgase, eine sogenannte Verpuffung. Die Feuerwehrleute wurden mehrere Meter weit weggeschleudert.

Brandmeister Bruno Gurski konnte sich mit schweren Verletzungen im Gesicht und an den Händen bis zum Dachsims vorkämpfen und um Hilfe rufen. Für den 22-jährigen Ulrich Höfer und den 28 Jahre alten Peter Weiyand war es zu spät.

„Die Kameraden sind in unserem Einsatzabschnitt gestorben“, sagt Peter Josef Meuten. Die Erinnerung lastet ihm immer noch schwer auf den Schultern.

Und so ging es weiter

Am Tag nach dem Brand sah man, welchen Schaden das Gebäude genommen hatte: Zwei Drittel des Dachgeschosses waren zerstört, viele weitere Räume durch Rauch und Löschwasser unbenutzbar.

Am 13. März 1981 wurde im Park des Kardinal-Schulte-Hauses eine Gedenkstätte geweiht, die an den Einsatz der Feuerwehr und besonders der beiden verstorbenen Männer erinnert.

Der Schildgener Löschgruppe blieben weitere Großbrände zum Glück erspart. Meuten, Schwind und Quirl erinnern sich an viele kleinere Einsätze, von abgedeckten Dächern über auf dem Herd vergessene Töpfe bis hin zu Überschwemmungen.

Hinweis der Redaktion: Die Serie „Schildgen wie es war” erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd. Alle Geschichten gibt es jetzt auch gebunden und gedruckt! Laura Geyer und Achim Rieks stellen das Buch „Die Königin der Kolonialwaren” am Sonntag, 17.11., 15.30 Uhr im Bestattungsinstitut König in Schildgen vor.  Ab Montag ist es auch in der Redaktion erhältlich.

Manchmal half man auch den Nachbarn, zum Beispiel beim Rheinhochwasser an Heiligabend 1978. „Da war Weihnachten gelaufen“, sagt Meuten und lacht. Michael Quirl ergänzt: „Silvester ist auch immer toll.“ Quirl fuhr 2013 sogar zum Elbehochwasser, schleppte fünf Tage und Nächte lang Sandsäcke.

In seiner Zeit bei der Feuerwehr hat sich vieles geändert. Inzwischen hat die Löschgruppe auch weibliche Mitglieder – zwar nur drei von 25, aber Quirl findet die Entwicklung toll und würde sich über mehr Frauen im Team freuen.

Nächstes Jahr bekommen die Schildgener ein neues Fahrzeug – in Feuerwehr-Fachsprache ein „Hilfeleistungs-Löschgruppenfahrzeug“. Das ist so groß, dass es nicht mehr bei Meutens in die Garage passt. Aber bis dahin steht ja hoffentlich das neue Feuerwehrhaus. Da, wo vor über 100 Jahren die wilde Geschichte von Haus Billstein begonnen hat…

Quellenhinweise

Die historischen Fotos stammen von der Freiwilligen Feuerwehr Schildgen, Willi Fritzen, Christel Polito und Josef Schwind. Das Foto von dem Gespräch mit Peter Josef Meuten, Josef Schwind und Michael Quirl hat Achim Rieks aufgenommen.

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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