Sabine Eversberg und David Roth geben den „Letzte-Hilfe-Kurs". Foto: Holger Crump

Was kann man selbst tun, wenn eine Freundin oder ein Angehöriger im Sterben liegt? Wie kann man Sterbende unterstützen, kleine Hilfen geben, ohne selbst Arzt oder Pfleger zu sein? Ein kompaktes Seminar des Hospizvereins Die Brücke und der Privaten Trauerakademie Fritz Roth gibt Antworten – und zeigt: Sterben darf man immer noch zuhause, Angehörige können so viel nicht falsch machen.

Entgegen der landläufigen Meinung gehört der Tod oft nicht mehr zum Leben. Er ist hinter Mauern verschwunden. Und damit weitgehend aus unserem Bewusstsein und unserem Alltag. „70 Prozent der Menschen sterben im Krankenhaus, Tendenz steigend“, sagt David Roth.

Das Thema werde professionalisiert, Tod sei nicht mehr präsent, allenfalls in den Medien. Obwohl viele Sterbende sich das Ende in vertrauter Umgebug wünschen würden, berichtet der Bestatter. Daher seien Menschen oft hilflos, wenn ein Angehöriger oder Freund im Sterben liege. Oder eine lebensverkürzende Diagnose erhalte.

„Wie kann man Sterbenden beistehen?“ Sabine Eversberg und David Roth geben im „Letzte-Hilfe-Kurs“ Antworten auf die Frage. Eversberg ist ausgebildete Krankenschwester und arbeitet als Palliative Care-Fachkraft und Koordinatorin am Hospiz im EVK. David Roth gehört zur Geschäftsführung des Bergisch Gladbacher Bestattungsunternehmens Pütz-Roth und ist Trauerbegleiter.

Foto: Thomas Merkenich

Für sie gehört der Tod zum Berufsalltag. Sie sind Teil der professionellen Seite. Betrachten es aber als ihre Aufgabe, der Gesellschaft wieder ein Stück Vertrautheit mit dem Tod zurückzugeben. Sie haben dem Tod schon oft ins Auge geblickt. „Es ist unspektakulär, begleitet von einer großen, wohltuenden Ruhe“, wird David Roth zum Schluss sagen.

Keine Notarzt-Ausbildung

„Wir bilden Sie hier nicht zu Notärzten aus“, erklärt der Trauerbegleiter. Vielmehr wollen er und Sabine Eversberg erreichen , dass die Teilnehmer die Angst vor Tod und Trauer verlieren. Das niedrigschwellige Angebot soll die Überforderung senken. Fragen wie „Was habe ich falsch gemacht“ vermeiden. Und zeigen, dass man durchaus auch zuhause sterben kann.

Zu Beginn des Kurses erfahren die zwölf Teilnehmer:innen, die am diesem Tag überwiegend aus dem pflegerischen oder medizinischen Umfeld kommen, welche ambulanten und stationären Hilfen in der Palliativ- und Hospizversorgung überhaupt vorhanden sind.

Wichtig zu wissen: Diese Dienste lindern nur noch die Beschwerden, zum Beispiel im Falle einer Erkrankung. Sie bekämpfen nicht mehr deren Ursachen. Das ist Sache der Krankenhäuser und Ärzte.

Hilfe suchen, Beraten lassen

Die Palliativ- und Hospizversorgung muss nicht stationär erfolgen, sondern kann auch ambulant geschehen, im häuslichen Umfeld. Die Angebote sind für alle da: Angehörige und Betroffene.

Wer im konkreten Fall eine Beratung benötigt, kann sich zum Beispiel an den Palliativlotsen beim Rheinisch-Bergischen wenden. Aber auch Krankenkassen und Krankenhäuser mit Hospizeinrichtungen bieten Beratungen und Hilfe an. Auch was die Kosten betrifft. Denn vieles wird von den Krankenkassen übernommen.

Palliativ-Lotsen in Bergisch Gladbach
Rheinisch-Bergischer Kreis
Hospiz am EVK
Palliativ- und Hospizzentrum am VPH Bensberg

Fragen – das kostet immer noch nichts! „Oft herrscht aber die Scheu vor dem Eingeständnis, dass man Hilfe braucht, dass die Last auf mehrere Schultern verteilt werden müsste“, weiß Sabine Eversberg. Das müsse nicht sein. Im Sterbeprozess fokussiere man auch auf die Angehörigen, damit diese die Situation gut ertragen und meistern könnten.

Ein von Angehörigen gestalteter Sargdeckel. Foto: Thomas Merkenich

Sterbeprozess und Vorsorge

„Wenn ein Mensch stirbt, dann hat das soziale und spirituelle Auswirkungen“, erklärt David Roth. Die Familien würden sich verändern, die Rollenverteilung neu strukturiert. Je nach kulturellem Hintergrund seien unterschiedliche Rituale erwünscht, religiöse Deutungen würden an Relevanz gewinnen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens werde gestellt.

„Im Sterbeprozess selbst zeigen Menschen natürlich auch körperliche Merkmale“, so Roth. Die Nahrungsaufnahme werde eingestellt, das Interesse an der Umwelt lasse nach, Atmung und Kreislauf würden abnehmen, es stelle sich die sogenannte Mundatmung ein.

„Je mehr man dann über den Sterbenden weiß, desto besser kann man ihm beistehen“, ergänzt Sabine Eversberg. Eine möglichst detaillierte Patientenverfügung könne dabei helfen, Wünsche und Vorlieben auch im Sterbeprozess für alle verfügbar zu machen.

Man könne sich zum Beispiel an den fünf W´s der Vorsorgeplanung orientieren:

  • Was ist mir wichtig am Lebensende?
  • Wer soll für mich entscheiden?
  • Wo und wie würde ich gerne sterben?
  • Wann hat das Leben für mich noch einen Sinn?

Gedanken, die sich sicherlich jeder in der Auseinandersetzung mit seinem individuellen Ende macht. Teilt man diese seinen Freunden und Angehörigen frühzeitig mit, kann dies am Ende für alle einfacher sein.

Weitere Informationen
Kursangebot in Bergisch Gladbach: Letzte-Hilfe Kurse
Infos zum Kurs: Letzte-Hilfe Info
Hospizverein: Hospiz Die Brücke
Bestattungsunternehmen Pütz-Roth

Hilfe für den Sterbenden

Hilfe suchen, Vorsorge: Dies sind organisatorische Aspekte, die im Sterbeprozess relevant sind. Daneben erfahren die Teilnehmer:innen beim Letzte-Hilfe-Kurs aber auch konkret, wie sie im Sterbeprozess das Leiden lindern können. Was Angehörige und Freunde tun können, ohne über Wissen in punkto Pflege und Medizin zu verfügen. Und das ist eine ganze Menge.

David Roth: „Nähe und Achtsamkeit sind in dieser Phase manchmal besser als jede Medizin.“ Klar: Jeder Sterbende hat ein Anrecht auf Medikamente. Damit Schmerzen, Atemnot, Angst und Unruhe oder Übelkeit gelindert werden.

Darüber hinaus können Angehörige und Freunde sich aber auch in anderen Bereichen kümmern: Berührung oder etwas Bewegung schenken, für Entspannung und eine ruhige Umgebung sorgen, Rituale pflegen, Musik und Aromatherapie bereitstellen.

Es braucht nicht viel

„Da es im Sterbeprozess zur Mundatmung kommt, ist die Mundpflege enorm wichtig“, erläutert Sabine Eversberg, und gibt viele Tipps womit man dem Sterbenden Linderung verschafft.

Ein Aha-Erlebnis stellt sich ein: Mit Wattebausch und kleinen Schwämmen üben die Teilnehmer:innen des Letzte-Hilfe-Kurses die Maßnahmen an sich selbst. Da wird schnell klar, was gut tut und was eher unangenehm sein könnte.

„Es braucht in der häuslichen Pflege nicht viel“, so Eversberg. Auch die geliebte Zigarette oder Bier und Wein seien im Sterbeprozess OK. „Das Wohlfühlen für den Sterbenden steht im Vordergrund, es geht nicht mehr um das Dogmatische, ob Alkohol und Nikotin gesundheitsschädlich sind.“

Der Kurs schließt mit Aspekten der Trauerbegleitung. Wie kann man mit Trauer umgehen, welche Prozesse durchlaufen Hinterbliebene, wie kann man mit dem Sterbenden über Tod und Trauer sprechen. Wie die Kinder beim Tod eines Freundes oder Angehörigen mit einbinden. Und wo es für Trauernde Hilfe und Unterstützung gibt.

Selbstvertrauen stärken

„Da sein, es aushalten, ruhig sein, sich die Sprachlosigkeit eingestehen“: Auch dies sind Aspekte, mit denen Freunde und Angehörige im Sterbeprozess konfrontiert werden, machen Sabine Eversberg und David Roth klar. Das Sterben ist so individuell wie das Leben. Und dem gilt es sich am Schluss zu stellen.

Der Letzte-Hilfe-Kurs leistet hierzu eine ganze Menge. Er kann dem Menschen viel an Selbstvertrauen beim Thema Sterben zurückgeben, das durch die Professionalisierung in Pflege und Medizin verloren gegangen ist.

Dadurch erhalten Betroffene Handlungsoptionen zurück, wie sie Sterbeprozesse ausgestalten und begleiten können. Zuhause, im Hospiz, im Pflegeheim oder auch im Krankenhaus. Man wird wieder zum aktiven und handelnden Teil, steht nicht als Zuschauer am Rande. Das kann eine Erleichterung sein, viel Angst nehmen, Spekulationen durch Wissen ersetzen, letztlich bei der Trauer unterstützen.

Der Tod sei überraschend unspektakulär, schließt David Roth. Und irgendwie ist es auch gut, dass es ihn gibt. Denn: „Ohne Tod macht das Leben keinen Spaß“, sagt einer der Seminar-Teilnehmer.

Foto: Thomas Merkenich

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Es ist so bereichernd einen nahen Menschen beim Sterben zu begleiten.
    Schön, dass Unterstützung angeboten wird.
    Der Gedanke, das Sterben wieder im Leben einen würdigen Platz findet, ist für mich ganz wichtig. Ich wünsche vielen Menschen die Möglichkeit, in gewohnter Atmosphäre und liebevollem Kontakt die letzten Stunden gemeinsam mit Freunden und Angehörigen zu verbringen.