Fotos: Laura Geyer

Lutz Urbach hat sich entschieden, Bergisch Gladbachs Rathaus zu verlassen. Im Interview erläutert er seine Motive und Ziele. Er lässt sich auf eine Zwischenbilanz seiner fast zehn Jahre als Bürgermeister ein, listet auf, was er bis Oktober 2020 noch erledigen will – und erzählt, was ihm in Bergisch Gladbach fehlt. 

Das Interview führten Georg Watzlawek und Laura Geyer

Wir sprechen mit Lutz Urbach zum zweiten Mal innerhalb von knapp vier Wochen. Im März hatte er noch berichtet, dass die Stadt in den nächsten Monaten viele Spitzenbeamte ersetzen muss. Seine eigene Zukunft hatte der 52 Jährige da noch ausgeklammert.

Jetzt blendet die Sonne im Bürgermeisterbüro im historischen Rathaus, das Urbach 2009 bezogen und seither mit Bildern seiner drei Kinder ausgestattet hat. Er ist konzentriert, aber lockerer, als es die Fotos vermuten lassen. Vor einigen Antworten nimmt er sich viel Zeit, doch er weicht ihnen nicht aus. Offenbar ist der CDU-Mann mit sich und seiner Entscheidung im Reinen.

Herr Urbach, Sie kandidieren kein drittes Mal für das Bürgermeisteramt. Ist Ihnen diese Entscheidung schwer gefallen?
Urbach: Im Grunde ist die Tendenz schon etwas länger da. Am Ende mussten wir – meine Frau und ich – noch letzte Zweifel ausräumen, ob das die richtige Entscheidung ist. Jetzt bin ich mir sehr sicher.

Welche Gründe gaben den Ausschlag?
Ich habe 1986 in Köln in der Verwaltung angefangen und mache das jetzt seit 30 Jahren. Seit fast 20 Jahren bis ich Wahlbeamter. Daher ist klar: wenn ich beruflich noch mal etwas anderes sehen möchte, dann ist jetzt die richtige Zeit dafür.

Sie hatten sich 2016 gegen eine Kandidatur für den Bundestag entschieden. Ist eine Karriere in der Politik damit ausgeschlossen?
Das war damals eine Entscheidung für die Menschen in meinem Umfeld, für meine Familie und für das Team, mit dem ich hier zusammen arbeite. Jetzt gehe ich den nächsten Schritt – und der darf etwas von der Politik wegführen. Klar, ich würde gerne noch Dinge bewegen – aber lieber weniger in der Öffentlichkeit. Ich finde meine Rolle in unserer Bürgermeister-Combo sehr schön: als Bassist im Halbdunkel hinter dem Frontmann zu stehen.

Aber wo streben Sie hin? In die Wirtschaft?
Ich will mich neu orientieren. Ein rein wirtschaftliches Unternehmen kann ich mir nicht vorstellen. Eher eine Aufgabe im Bereich der Verbände, Kammern oder gemeinnütziger Vereine.

Sie sind noch bis Oktober 2020 im Amt, dennoch ist jetzt Zeit für eine Zwischenbilanz. Was haben Sie in den fast zehn Jahren als Bergisch Gladbachs Bürgermeister erreicht?
Das Thema Schulsanierung fällt mir spontan ein, da sind wir ein gutes Stück weiter gekommen. Auch der Ausbau der Kinderbetreuung geht voran. Gerade hatten wir das Richtfest für die Schlossgalerie in Bensberg. Der Flächennutzungsplan ist sicherlich ein wichtiges Thema. Und mit Zanders habe ich mich gleich dreimal beschäftigt. Als ich hier angefangen habe war die Stadt de facto im Nothaushalt – für 2020 planen wir einen ausgeglichenen Haushalt. Und natürlich hat das Thema Flüchtlinge stark geprägt.

 Gibt es Dinge, von denen Sie heute sagen würden, dass Sie dabei gescheitert sind?
(Überlegt). Da fällt mir ein Punkt ein, wo ich beinahe ein Riesenfehler gemacht hätte – aber davor bewahrt wurde, zu scheitern: 2012 war ich felsenfest davon überzeugt, dass ein Umzug des Nicolaus Cusanus Gymnasiums der richtige Weg ist. Alle Zahlen sprachen dafür – haben sich inzwischen aber als falsch herausgestellt. Wenn wir den Umzug durchgezogen hätten, müssten wir heute eine ganz neue Schule bauen.

Das war alles?
Ein großes Thema, bei dem ich gescheitert bin, sehe ich tatsächlich nicht. Dass ich mir zum Beispiel beim Flächennutzungsplan mehr hätte vorstellen können, ist ja bekannt.

Und trotzdem sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden, mit dem Flächennutzungsplan, wie er jetzt vorliegt?
Am Ende ja. Ich hätte vor allem für das Gewerbe mehr Flächen gewünscht, das ist klar.  Aber Politik ist die Kunst des Machbaren. Und da musste ich erkennen, dass der ganz große Wurf nicht mehrheitsfähig war. Das ist aber auch in Ordnung so.

Wie beurteilen Sie heute den Prozess hin zum Beschluss über den FNP?
Wir haben diese große Bürgerbeteiligung ganz bewusst gemacht Und dann muss man auch die Ergebnisse akzeptieren. Wir haben jetzt einen neuen Flächennutzungsplan nach über 40 Jahren. Viele andere Kommunen haben den nicht.

Ist die Bürgerbeteiligung tatsächlich gut gelaufen? Hat sie nicht zu einer Polarisierung geführt?
Beides ist richtig. Die Debatte hat für eine Polarisierung gesorgt. Aber ich glaube,  dass es eine relativ kleine Gruppe ist, die mit dem Ergebnis gar nicht leben kann. Und in dieser relativ kleinen Gruppe gibt es einen extrem hohen Anteil von unmittelbar betroffenen Anliegern. Das ist auch verständlich.

Gehen Sie davon aus, dass bei den Gewerbeflächen die Fläche im Neuborner Busch für die Erweiterung der Firma Krüger von der Bezirksregierung genehmigt wird?
Ich glaube, dass sich der Eingriff in die Fläche minimieren wird. Und ich hoffe, dass dieser Eingriff am Ende dann auch durchgeht.

Bei den Gewerbeflächen sind die Pläne der Verwaltung besonders stark gekappt worden. Können die Unternehmen mit dem Ergebnis leben?
Sie können weniger lange damit leben. Es sind weniger Gewerbeflächen drin, daher ist das Potenzial geringer für eine gewerbliche Entwicklung. Die Nachfrage ist aber da. Alle zwei bis drei Wochen signalisiert mir ein Unternehmen: Wir haben Flächenbedarf.

Für eine Ansiedlung neuer Unternehmen reicht es erst recht nicht …
Stimmt, aber ich glaube auch nicht, dass wir in Bergisch Gladbach oder im Kreis gut damit fahren würden, Unternehmen von außen anzuwerben. Wir sind gut beraten, den Unternehmen aus der Region ein Angebot vorzuhalten. Außerdem müssen wir sehr wählerisch sein, für ein  Logistikzentrum zum Beispiel haben wir keinen Platz.

Eng verbunden mit dem FNP ist das Thema Verkehr. Wird es eine Verlängerung der Straßenbahnlinie 1 von Bensberg nach Moitzfeld geben?
Ja, damit sind wir auf einem guten Weg . Ich glaube, es ist die richtige Zeit dafür. Es gibt auch Projekte auf der Landesebene und ich habe gerade eine Mail aus dem Büro der Bau-Ministerin bekommen, dass wir uns zum Thema Wohnen an der Schiene mal treffen.

Aber bei der Linie 1 geht es doch erst einmal um die Schienen, nicht ums Wohnen?
Richtig. Aber die Wohnflächen im neuen Flächennutzungsplan liegen zu einem erheblichen Teil an der Strecke einer potenziellen Verlängerung der Linie 1. Daraus könnte sich ja etwas ergeben, mit Förderung des Landes.

Weiter zum Thema Verkehr: Wird es auf dem Bahndamm jemals eine Straße geben?
Ja.

Wirklich? Wann in etwa?
Solange niemand eine bessere Lösung für die Anbindung der Innenstadt und der Zinkhütte an die Autobahn präsentiert, bleibt die Straße auf der alten Trasse eine machbare Lösung. Deshalb ist es richtig, das Projekt weiterzuverfolgen. Allerdings – ich weiß nicht, ob ich dann noch einen Führerschein habe, wenn das Realität wird.

Warum geht es beim Radverkehr nicht voran?
Immerhin gibt es jetzt eine Radstation, die sehr gut angenommen wird.  Unser Verkehrsnetz ist im Krieg nicht zerstört worden, daher sind die Straßen nicht so breit. Das heißt aber, dass die Verkehrsmittel immer in Konkurrenz zueinander stehen. Es ist wahnsinnig schwierig, hier den großen Wurf für den Radverkehr zu machen. Ich erinnere nur an den Radfahr-Schutzstreifen auf der Kölner Straße: Wenn nur drei Parkplätze wegfallen ist das Geschrei groß.

Aber es gab einen großen Wurf, das Mobilitätskonzept. Warum wird es nicht rasch und konsequent umgesetzt, sondern ausgehebelt?
Unsere Vorschläge in der Verwaltung gingen deutlich weiter. Aber damit sind wir, zum Beispiel bei der Freigabe der Fußgängerzone, an den großen Fraktionen im Stadtrat gescheitert.

Der Klimaschutz wird immer wichtiger. Was passiert dazu in Bergisch Gladbach?
Das ist eine Aufgabe, die bei vielen Gelegenheiten mitdiskutiert wird. Bei jeder Schulsanierung fragen wir uns,  was können wir für einen Beitrag zum Klimaschutz leisten,  bei jeder Baumaßnahme. Wir leben zwar in einer der grünsten Städte Deutschlands, trotzdem sind wir gut beraten, unseren Beitrag zu leisten, so gut es geht. Aber zur Ehrlichkeit gehört, dass das nicht eine Kernaufgabe der Kommune ist.

Zum nächsten Projekt: Beim Einzug ins Stadthaus, hatten Sie mal gesagt, würden sie gerne 2020 noch beim Einzug mithelfen. Danach sieht es im Moment nicht aus, …
Beim Stadthaus müssen wir die Aufgaben Schritt für Schritt abarbeiten. Der Architektenwettbewerb geht gerade in die zweite Runde. Auf dem Weg mussten wir einfach sehr viele Punkte klären. Zum Beispiel das Thema Bücherei. Die wird ja nicht einfach so gebaut, die muss ganz neu entwickelt werden.

Dennoch, zwei Jahre schon jetzt in Verzug, das ist nicht wenig. Können Sie Ihrem Nachfolger ein neues Einzugsdatum in Aussicht stellen?
Nein, das kann ich nicht. Ich bin einfach froh, dass wir in Ruhe und konstruktiv daran weiterarbeiten.

Ein weiterer dicker Brocken ist das Zanders-Gelände. Die Lage hat sich geklärt: das Unternehmen arbeitet in verkleinerter Form weiter, aber das komplette Grundstück gehört der Stadt. Was machen Sie damit?
Das beschäftigt uns super intensiv. Wir haben zwei Kollegen dafür aus der Stadtplanung abgezogen, die sitzen auch auf dem Zanders-Areal. Wir haben die Entwicklung des Areals bei der Regionale 2025 eingereicht. Das müssen wir jetzt weiter qualifizieren, um den B-Status zu erreichen. Das ist ein Berg an Arbeit.

Gibt es Projekte, die parallel zur laufenden Papierproduktion umgesetzt werden können?
Wir gehen zweigleisig vor. Zum einen denken wir immer die ganze Fläche mit. Damit wir jetzt nicht etwas machen, was uns später bei einer Totalkonversion im Weg ist. Das ist quasi die Phase 2. Schon jetzt, in der Phase 1, in der noch Papier produziert wird, klären wir, was machbar ist. Dafür sind aber Verhandlungen mit Zanders notwendig, weil Produktionsteile, die im Gelände verstreut sind, verlagert werden müssen. Damit beschäftigen wir uns gerade. Damit wir im Rahmen der Regionale 2025 einen Bereich frei bekommen, der sinnvoll zu entwickeln ist.

Was ist das Ziel einer solchen Entwicklung?
Das kann ich nicht vorwegnehmen. Das ist eine Aufgabe der Planer. Einzelhandel ist so gut wie ausgeschlossen, es wird wohl eine Mischung von Wohnen, Gewerbe, Kultur und öffentliche Flächen werden – in welcher Form auch immer.

Im Alltag gibt es kaum ein Thema, das die Bürger mehr beschäftigt, als der Dreck im öffentlichen Raum und die Schlaglöcher in den Straßen. Woran liegt es, dass Bergisch Gladbach so aussieht, wie es aussieht?
Am Geld. Bei diesen Aufgaben reden wir sofort über das Personal, über den Stellenplan und den Haushalt. Die Fachbereiche machen Vorschläge, die werden im Verwaltungsvorstand zusammengestrichen und dann wird im Stadtrat noch einmal der Rotstift angesetzt. Dort werden die Prioritäten gesetzt.

Und wenn die Politik sagt, die Sicherheit ist uns wichtig, dann machen wir auch was. Den Stadtordnungsdienst haben wir gerade aufgestockt. Wenn der Rat  entscheidet, macht was in Sachen Sauberkeit, dann können wir dafür gerne 20 Mitarbeiter einstellen. Das wird man dann auch auf der Straße sehen. Aber man wird es eben auch am Geld merken.

Unabhängig vom Geld gibt es aber auch Kritik an der Bürokratie, an der Tatsache, dass zum Beispiel beim Thema Sauberkeit viele Abteilungen der Stadt nebeneinander her arbeiten, manchmal nach dem Prinzip „Kollege kommt sofort” …
Die Stadt macht, was sie kann, um ihre Aufgaben optimal zu erfüllen. Aber wer aufhört, sich zu verbessern, der macht etwas falsch. Deshalb sind wir gerade wieder dabei, unsere Aufbauorganisation anzugucken. Zudem werden die Stellen vieler Führungskräfte neu ausgeschrieben, was auch Chancen mit sich bringt.

Ein wichtiger Punkt beim Thema Sauberkeit ist die Identifikation mit der Stadt. Sie haben Erfahrungen in Köln, Hennef und Bergisch Gladbach. Hat Bergisch Gladbach eine eigene Identität, wie stehen die Bürger zu ihrer Stadt?
Bergisch Gladbach ist mir viel zu wenig selbstbewusst. Es ist zwar schon besser geworden, auch weil man in der Region anders miteinander umgeht. Aber so etwas wie „im Schatten der Domtürme” ist echter Quatsch, das ist Understatement. Diese Stadt ist absolut lebenswert und ich finde auch liebenswert. Die Urbachs, meine Familie kriegt hier niemand mehr weg. Blöd ist nur, dass ein Großteil der Bergisch Gladbacher das nicht so richtig wahrnimmt. Es will zwar keiner wegziehen, aber trotzdem spricht man gerne negativ über die eigene Stadt.

Was sind diese Vorteile?
Wir können aus dem Haus gehen und anderthalb Stunden laufen, ohne ein Auto zu sehen. Wenn wir wollen, sind wir aber auch in 25 Minuten in Köln. Wenn wir wollen – denn es gibt nichts, das wir nicht auch hier kaufen könnte. Für Familien gibt es eine komplette Bildungslandschaft. Eine Eislaufhalle. Ein Puppentheater – wer hat so etwas denn noch?

Also ist es vor allem eine Frage des Selbstverständnisses? Müsste es einfach „Herrlisch Gläbbisch” statt „Schäbbisch Gläbbisch” heißen?
Ja. Den Begriff hat das Bürgerportal mit „Herrlisch Raubach” ja schon mal geprägt.

In diesem Zusammenhang fällt oft der Begriff „Schlafstadt”: hier verbringen die Menschen ihren Feierabend, gearbeitet wird woanders. Ist das eine Abwertung – oder nur eine vernünftige Umschreibung der Funktion von Bergisch Gladbach?
Es gibt schon Menschen, die hier nicht nur schlafen. Es ist auch gut, dass man nicht jeden Tag  80 Kilometer fahren muss, um seiner Arbeit nachzugehen. Ich freue mich, wenn mein Sohn hier einen Ausbildungsplatz findet. Und auch die alleinerziehende Mutter in Teilzeit braucht hier einen Job. Daher sind wir gut beraten, Arbeitsplätze anzubieten.

Der Trend sieht anders aus. Durch die Verdichtung wohnen hier immer mehr gut verdienende Menschen. Mit der Taktverdichtung der S 11 und dem Ausbau der Linie 1 wird die Anbindung an Köln noch besser. Schafft man damit nicht noch mehr Anreize, Bergisch Gladbach als Schlafstadt zu nutzen?
Das mag sein. Aber wir haben auch starke Arbeitgeber. Ich bin ja alle zwei, drei Wochen in Firmen zu Besuch und bin immer wieder begeistert. Wer weiß schon, dass die Thorens-Plattenspieler aus Bergisch Gladbach kommen?

Thorens hat wie viele Mitarbeiter? Zwei?
Vor Ort vier. Und wem Thorens nicht reicht, Transrotor sitzt hier ebenfalls.

Stimmt, analog ist die Stadt stark. Wie sieht es aus mit der digitalen Seite – nachdem es mit der Bewerbung für die „digitale Stadt” nicht geklappt hat?
Den Bitkom-Wettbewerb hat eine andere Stadt gewonnen. Aber für die Bewerbung haben wir unsere Arbeit gemacht, das war nicht umsonst. Wir haben eine Digitalstrategie; die liegt nicht in der Schublade, sondern auf dem Schreibtisch. Wir haben jetzt einen Digitalisierungsbeauftragten eingestellt und schauen nun, was wir alleine umsetzen können.

Kommen wir noch einmal zum Grundsätzlichen. Ist es in Ihrer Zeit in Bergisch Gladbach schwieriger geworden, diese Stadt zu „regieren”?
Große Probleme in der Zusammenarbeit mit dem Stadtrat habe ich nicht. Ich kenne zwei andere Kommunen – verglichen damit ist die Form des Umgangs miteinander sehr in Ordnung. Natürlich habe ich mehr Kontakt in die CDU hinein. Da kann ich nur sagen: was wir damals besprochen hatten, als ein Kandidat gesucht wurde, das ist zu 100 Prozent eingehalten worden. Wir haben uns intern gestritten in den Sachthemen, überhaupt gar keine Frage. Aber ohne Verletzungen und immer mit gegenseitiger Wertschätzung. Und das gilt auch für die Atmosphäre im Stadtrat, die ist sehr, sehr anständig.

Im Rat ist dennoch eine Zweiteilung zu beobachten. Die großen Entscheidungen werden tatsächlich meistens im Konsens getroffen. In vielen Punkten werden die Entscheidungen aber von CDU, SPD und Bürgermeister vorbereitet – und dann gegen jede Kritik und gegen die kleinen Parteien durchgesetzt. Ist das sinnvoll?
Das ist eigentlich Quatsch – weil es in einer Kommune keine Regierung und keine Opposition gibt.

Das sieht die Opposition allerdings anders …
… aber das ist ja hier nicht der UN-Sicherheitsrat und auch nicht der Bundestag. Wenn man sich unsere Vorlagen anguckt, dann liegt eigentlich immer ein Sachthema auf dem Tisch. Dann gibt es drei Lösungsansätze – und einen Vorschlag der Verwaltung.  Wenn man sich die Abstimmungsergebnisse in den Ausschüssen anschaut, dann ist es nicht selten, dass es ganz breite Mehrheiten gibt. Im Rat selbst ist es schon mal anders; da wird mitunter aus Prinzip gegen die Vorschläge der anderen argumentiert. Das könnte man sich eigentlich schenken.

Ihre Amtszeit endet im Oktober 2020, Sie haben noch 18 Monate vor sich. Was wollen Sie in dieser Zeit schaffen, welches großes Projekt noch abschließen?
Das ist der weitere Ausbau der Kinderbetreuung. Da sind einige Dinge in der Pipeline, wir bauen noch zwei Kindergärten, deshalb will ich gar nicht so tun, als sei da noch wahnsinnig viel zu machen. Schwieriger ist der Offene Ganztag. Da würde ich gern noch ein Stück weiterkommen.

Und dann gibt es ein zweites Thema – da werden Sie in anderthalb Jahren wahrscheinlich sagen, ich sei gescheitert. Ich nenne es trotzdem: Ideen zum Verkehr.  Wir haben uns jetzt die Achse Spitze-Herkenrath-Moitzfeld-Autobahn vorgenommen. Als erste konkrete Strecke, um zu schauen, welche konkreten Maßnahmen an den Verkehrsknotenpunkten Sinn machen. Da wird Ende 2021 noch nichts gebaut sein. Da werde ich gescheitert sein, weil noch nichts gebaut ist. Aber wir brauchen Ideen.

Das dritte Thema ist das Stadthaus. Wer sich die alten Stadthäuser an der Gohrsmühle anschaut, der sieht: Das geht so einfach nicht mehr. Bewerbungsgespräch führen wir mittlerweile woanders. Denn wer zur Toilette musste, der will da nicht mehr arbeiten. Da müssen wir einfach voran machen; ich will bis zu einem Maßnahmenbeschluss kommen – damit sicher ist, dass es gebaut wird.

Danke für das Gespräch.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Insgesamt ein interessantes Interview. Eine Antwort ärgert mich aber sehr.

    “Warum geht es beim Radverkehr nicht voran?
    Immerhin gibt es jetzt eine Radstation, die sehr gut angenommen wird. Unser Verkehrsnetz ist im Krieg nicht zerstört worden, daher sind die Straßen nicht so breit. Das heißt aber, dass die Verkehrsmittel immer in Konkurrenz zueinander stehen. Es ist wahnsinnig schwierig, hier den großen Wurf für den Radverkehr zu machen. Ich erinnere nur an den Radfahr-Schutzstreifen auf der Kölner Straße: Wenn nur drei Parkplätze wegfallen ist das Geschrei groß.”

    Radstation schön und gut. Aber wie sieht es mit der Anbindung von eben jener aus? Es gibt keinen (!) Radweg, der dort hinführt bzw. Richtung Köln weiterführt. Die direkte Umgebung zu erschließen ist doch ein erster sinnvoller Schritt… Aber in den Jahren, in denen die Station existiert, ist nichts passiert. Eine Sanierung der Fahrbahn zum Fressnapf bzw. eine direkte Verbindung wäre ein überschaubarer und leicht umsetzbarer Anfang. Wieso existiert kein Radweg von der Paffrather Straße (Kreisel) Richtung S-Bahn. Dort ist reichlich Platz vorhanden.

    Urbach spricht von einem großen Wurf für die Radfahrer… Es wäre auch schon viel getan, wenn die bestehende Infrastruktur erstmal saniert wird. Und wenn alle Einbahnstraßen für Radfahrer befahrbar werden… Kostet wenig, steigert die Attraktivität.

    Und mein letzter Punkt: “Wenn nur drei Parkplätze wegfallen ist das Geschrei groß”.
    Das mag so sein, aber manchmal muss man auch unpopuläre Entscheidungen treffen, wenn sie das richtige Ziel im Auge haben. Ich empfehle einen Besuch in Kopenhagen. Das war eine Autostadt, und ist jetzt die fahrradfreundlichste Stadt der Welt…

  2. Natürlich gibt es an den Antworten aber auch an den Fragen Möglichkeiten, herum zu kritteln. Ich möchte mich auf 2 Antworten Urbachs beschränken:

    1) Der Bahndamm wird nie als Straße für die Entlastung von Alt Gladbach und damit freier Fahrt für LKWs gebaut wer5den, da kommen nach meiner Meinung Schienen für eine Straßenbahn und Radwege hin.

    2) Die Zweiteilung im Rat ist Fakt. Was die GroKo während des FNP-E. – Prozesses alles durchgeboxt hat, lässt auf ähnliches Verhalten bei anderen Themen schließen. Wenn CDU und SPD sich einige sind, bestimmen sie die Politik. Hoffentlich ändert sich das bei der nächsten Kommunalwahl.

    Und noch etwas: Bei der Betrachtung Spitze – Herkenrath- Moitzfeld – Bensberg sollte man Seilbahnen mit in die Diskussion nehmen. Ich bin überzeugt, dass BGL hier eine gewisse Vorreiterrolle spielen könnte.