Bergisch Gladbach ist voll mit weggeworfenen Kippen. In den Ritzen des Straßenpflasters und neben den Mülleimern. Überall, an Böschungen, in Parks, in ungepflegten Ecken, an den Skulpturen. Dazu kommen Fast-Food-Tüten, Kaffeebecher, Taschentücher, Hundekot.

Über die Motive der Respekt- und Rücksichtslosigkeit, der Missachtung gegenüber unserem Gemeinwesen können wir nur spekulieren. Aber wir können betrachten, wie andere Städte mit diesem Problem umgehen – und Strategien für ein angenehm anderes Bergisch Gladbach entwickeln.

Broken-Windows

Folgen wir der Broken-Windows-Argumentation – die zwar kritisch betrachtet wird, aber ganz plausibel erscheint – so finden sich einige Hinweise auf entsprechende Symptome in unserer Stadt.

Die Theorie von 1982 aus den USA sagt:

Wird eine zerbrochene Fensterscheibe (in einem leerstehenden Gebäude) nicht schnell repariert, sind bald alle Scheiben zerstört … Wird in einem Stadtteil nichts gegen Verfall und Unordnung, Vandalismus … herumliegenden Müll, öffentliches Urinieren etc. unternommen, wird das zum Indiz dafür, dass sich niemand um diese Straße … kümmert und dass sie außer Kontrolle geraten ist … (Quelle: Wikipedia).

Ein Zeichen mangelnder sozialer Kontrolle. Gilt dies auch hier, weil es in unserer Stadt nicht mehr darauf anzukommen scheint, ob weiterer Müll auf die Straße fliegt?

Am Busbahnhof

Kippen sind Sondermüll

Das Nervengift Nikotin und hunderte anderer toxischer Stoffe sind in den Kippen gespeichert. Der Abbau der Rückstände dauert Jahre, die Verrottung der Filter bis zu 400 Jahre. Durch Regen werden die Schadstoffe ausgeschwemmt, gelangen in die Böden, in Bäche, Flüsse und Seen, ins Abwasser.

Jedes 3. Stück Müll, das an den Küsten der Welt gefunden wird, ist ein Zigarettenfilter. Ein Problem mit Langzeitfolgen. Für 20% aller Vergiftungen bei Kindern ist Nikotin verantwortlich. Eine Kippe kontaminiert – konservativ gerechnet – 40 Liter Wasser. Hunde können beim Trinken aus einer so verschmutzten Pfütze sterben.

Konrad-Adenauer-Platz, das „Wohnzimmer” der Stadt

Viele Raucherinnen und Raucher schnippen ihre Kippen einfach weg oder drücken sie auf den Mülleimern aus.

Einmal im Jahr werden in einer PR-Aktion Kaugummis vom Pflaster gekratzt, Kippen aber bleiben in den Ritzen liegen. Werbung für Tabak und Zigaretten auf Plakaten ist in Bergisch Gladbach dankenswerterweise nicht mehr erlaubt. Doch es fehlt der zweite wichtige Schritt: Ein entschiedenes Engagement gegen die Umweltverschmutzung durch Kippen.

Die Grenze zwischen S-Bahn-Steig und Bus-Steig. Vielleicht ist deswegen keiner zuständig?

Raucherecken auf Bahnsteigen

Reisende kennen diese Flächen in Bahnhöfen. Raucherinnen und Raucher, die sich nicht daran halten, können mit 15 Euro zur Kasse gebeten werden. Diese Flächen sollen sowohl die Belästigung von Nichtrauchern als auch die Verschmutzung der Bahnsteige verringern.

Warum gibt es die gelben Markierungen nicht auch bei uns an der S-Bahn und den Busbahnhöfen? Weil unsere Stadt „angenehm anders“ ist, wie es das famose Video zur Werbung für Bergisch Gladbach behauptet?

Straßenwächter und Ordnungsdienst könnten bei ihren Spaziergängen vorrangig auf Kippen, Kaugummis und Müll achten. Denn in welchem Verhältnis steht eigentlich diese Verschandelung, Umweltverschmutzung und Gesundheitsgefährdung zur Überziehung der Parkzeit? Oder zu den Kaugummiplacken? Stimmen hier noch die Relationen?

Natürlich ist die einzelne Raucherin, ist der einzelne Raucher verantwortlich. Doch Politik und Verwaltung handeln verantwortungslos, wenn sie sich nicht kümmern.

Die DB ist zuständig. Aber wir alle müssen diese Verwahrlosung ertragen.

Könnten wir ein Bewusstsein schaffen für die Folgen und die Gefahren der Verschmutzung? Wäre eine Kampagne für mehr Sauberkeit in Bergisch Gladbach sinnvoll? Eine Kampagne für Verhaltensänderung? Ganz sicher, andere Städte machen es uns vor.

Kreative Beteiligung der BürgerInnen

Auch in einer relativ kleinen Kampagne unter Beteiligung der Schulen und der Bürgerschaft könnte mit intelligenten, witzigen Sprüchen, Symbolen oder Aktionen für eine saubere Stadt geworben werden. Eine hohe Aufmerksamkeit wäre garantiert. Allerdings müssten unsere Eimer erst äußerlich gründlich gereinigt werden, denn einige wirken selbst wie Müll.

In Berlin gibt es inzwischen weit über 100 Sprüche auf den orangefarbenen Mülleimern, verteilt über die ganze Stadt. Die Stadtreinigung Hamburg hat zusammen mit einer Werbeagentur für ihre Sprüche einen Preis bekommen.

Weil viele Städte Probleme mit Müll haben, finden wir ihre Aktionen im Internet: Darmstadt, Essen, Hamm, Ingolstadt, Nürnberg, Potsdam, Teltow, Wien etc. Ihre Kampagnen und Sprüche werden in den Medien abgebildet, diskutiert, erfolgreich weiter publik gemacht.

In Berlin

Eine reizende Idee auch für unsere Stadt

In vielen Städten gibt es inzwischen – meist begleitet von intensiver Aufklärung – Kontrollen. Und Strafen. In Hamburg sprechen „Waste Watcher“ ihre Mitmenschen beim Wegwerfen von Kippen, Kaugummis und anderen Müll an. Und bitten sie, wenn es notwendig ist, auch zur Kasse. Ganz sicher sind Strafzettel nicht die beste Lösung, aber bei einigen Zeitgenossen vielleicht die richtige. Die Bußgelder zur Zeit:

10 €                Hannover, Dresden
15 €                Dortmund
15 – 35 €        Nürnberg
15 – 55 €         Hamburg
20 €                Duisburg, Bremen, Leipzig, Stuttgart
20 – 25 €       Berlin
25 €                Essen
30 €                Frankfurt am Main
35 €                Köln
55 €                München
bis zu 250 €  demnächst in Stuttgart

Auf Spielplätzen kostet das Wegwerfen einer Kippe bis zu

1.000 €           Dresden
2.500 €           in ganz Nordrhein-Westfalen
5.000 €           Hannover

Eine heilsame Buße bietet Bremen: Erwischte Umweltsünder dürfen alternativ zum Bußgeld für einen Tag bei der Stadtreinigung mitarbeiten. Das spricht sich schnell herum. Eine reizende Idee auch für unsere Stadt.

Diskutieren Sie mit

Hinweis der Redaktion:  In dieser Serie „Unangenehm anders” benennt Klaus Hansen zwei Verantwortliche für den miserablen Zustand des öffentlichen Raums in Bergisch Gladbach: die Stadtverwaltung und die Bürger. Damit hat er viele Reaktionen ausgelöst, positive und negative.

Jetzt gehen wir den nächsten Schritt und suchen am politischen Stammtisch des Bürgerportals konstruktiv nach Ideen, die unsere Stadt angenehmer machen. In Sachen Müll und Kippen speziell, aber auch ganz allgemein – was Respekt, Rücksichtsnahme und Verantwortung angeht.

Diskutieren Sie mit, am 20. März, ab 19 Uhr, in der Redaktion des Bürgerportals (Hauptstr. 241).

Infos und eine Anregung zum Stammtisch:

Stammtisch: Wie wird GL angenehm anders?

Meine Vision: 150 saubere Spielplätze

Die Beiträge der Serie

Menschengerecht statt autogerecht

Unangenehm anders

Unangenehm anders: Mülleimer

Unangenehm anders: Der Hund ist nicht das Schwein

Unangenehm anders: Anstand und Respekt

Unangenehm anders: Hunde an der Strunde

Unangenehm anders: Parken in der Schlossstraße

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Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

Nehmen Sie an der Konversation teil

5 Kommentare

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  1. Sie haben aber etwas gesagt. Indirekt, aber offensichtlich machen Sie die Flüchtlinge für das Kippenproblem verantwortlich. Die Flüchtlinge tragen sicherlich ihren Teil zum Problem bei. Aber sie machen rund ein Prozent der Bevölkerung aus, daher ist Ihre These nicht stichhaltig.

  2. Wir wohnen an einer sehr belebten Strasse bzw auch Fussweg. Seit 4 Jahren häufen sich dort die Kippen.
    Ich will ja nichts gesagt haben.

  3. Ich freue mich schon wieder über die Diskussion über die neuen minderfunktionalen Design-Mülleimer in der Gladbacher Innenstadt!
    Ein Schelm, wer da an Schilda denkt!

  4. Hat das beschriebene Verhalten dieser Ferkel in erdter Linie nicht etwa mit mangelnder Erziehung zu tun?
    Und ist es in zweiter Linie nicht der Mangel an Konsequenz, kontinuierlich und mit Nachdruck für Ordnung zu sorgen und diese letztendlich mit Strafen durchzusetzen?
    Lässt sich Schäbbisch Gläbbisch mit Baden-Baden oder Zürich vergleichen? Beides auffällig saubere und ordentliche Städte. Auf Plätzen, in den Straßen, im ÖPNV. Noch nie habe ich gesehen dass Menschen in der RushHour auf den Rolltreppen der U-Bahnhöfe „rechts-stehen-links-gehen“ grundsätzlich einhalten! Dass beim Eintreffen der Bahn den Aussteigenden zuerst großzügig Platz gemacht wird, bevor Wartende einsteigen. So geht es viel effizienter und freundlicher.
    Liegen die Zusammenhänge im Bildungsstand – Ja – womöglich der in der Kinderstube und dem
    sich im Kollektiv gegenseitig zu erziehen und der Wahrnehmung eines jeden einzelnen, dass es so schöner ist.

    Regeln und das Ahnden deren Nichteinhaltung muss konsequent umgesetzt werden, Beispiele gibt es auf der Welt mehr als genug. Singapur: Hier muss jeder wissen, dass „Auf die Strasse Spucken“, Wildpinkeln, Kaugummi oder Kippe auf die Strasse entsorgen:

    Empfehlenswerter Beitrag von FAZ.NET:
    Selbst beim Müll lässt Singapur Strenge walten

    https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/muellsuender-selbst-beim-muell-laesst-singapur-strenge-walten-11284526.html?GEPC=s53

    Um das zu erreichen benötigen wir auch konsequenzer Weise die geeigneten Richter, die die Gesetze umsetzen und nicht das gros der Delinquenten wegen „schlechter Kindheit“ wieder auf freien Fuß setzt.

    Konsequenz!

  5. Das größte Problem ist der Mangel an öffentlichen Mülleimern. Solange nicht deutlich mehr davon aufgestellt werden, ist das Gejammer über weggeworfene Kippen bzw. Müll allgemein sinnlos. Mir geht es oft so, dass ich herumliegenden Müll aufheben möchte, aber es dann bleiben lasse, um ihn nicht den Rest des Tages mit mir herumzutragen.
    Auch als Nichtraucher habe ich Verständnis, wenn Raucher*innen noch heiße Kippen weder einstecken noch in einen Mülleimer (mit brennbarem Inhalt) werfen wollen.