Haus Billstein in den 1920er-Jahren

Ein Gastwirt, der warmes Bier liebt. Ein Stierkampf in der Disco. Und die größte Mörderhatz der Nachkriegszeit. Das alte Haus Billstein, zuletzt bekannt als Haus Pohle, hat eine Menge spannender Geschichten zu bieten. Ein Extra-Beitrag zu Teil 11 der Schildgen-Serie.

Als Claudia und Werner Rüsing eines Tages im Spätsommer 2015 an ihrem Küchentisch saßen, sahen sie durchs Fenster, wie ein Bus vor dem „Haus Pohle“ Menschen ablud. Sie waren die ersten, die die Ankunft der Flüchtlinge in Schildgen bemerkten.

Die Familie wohnt in der vierten Generation direkt gegenüber des ehemaligen Hotel-Restaurants in der Altenberger-Dom-Straße. Ob gewollt oder nicht: Sie verfolgt die Geschichte des Gasthofs seit bald 100 Jahren.

Das Ursprungs-Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert, etwa 1870 eröffnete hier ein Gastbetrieb. Seit 1906 war es als Haus Billstein bekannt.

Claudia Rüsings Mutter, Gisela Schmidt, kann sich noch gut an den Inhaber erinnern: Josef Billstein saß immer in einer Ecke seiner Wirtschaft und beobachtete alles. Sein Glas stand stets auf dem alten Kanonenofen links des Eingangs, denn Billstein trank sein Bier gerne warm. Dazu rauchte er eine lange, krumme Porzellanpfeife.

Gastwirt Josef Billstein (links) hatte drei Kinder, unter anderem Lilly (rechts).

In den 1950er-Jahren übernahm Billsteins Tochter Lilly zusammen mit ihrem Mann Walter Möller den Betrieb. Sie ließen den alten Saal neben der Gaststätte abreißen und einen neuen direkt an das Ursprungsgebäude anbauen. Das „Sälchen“ verhalf dem Lokal zu einer neuen Blütezeit. Tanzveranstaltungen fanden hier statt, Tanzkurse und vielerlei Feste.

Als die Möllers in den 1970er-Jahren aufgaben, wurde es aber erst richtig wild. Nach mehreren wechselnden Betreibern zogen Anfang der 1980er zwei Männer, angeblich Brüder, mit einer legendären Disco ein. Im 00-dancing dienten Toilettenschüsseln als Sitzgelegenheiten, nackte Frauen sollen auf Tabletts „serviert“ worden sein, und Erzählungen zufolge wurden im Separee vereinzelt Äffchen gesichtet. Sogar einen echten Stierkampf soll es im Club gegeben haben.

„Die größte Mörderhatz der Nachkriegszeit“

Mindestens ebenso viele Legenden ranken sich um den wohl größten Kriminalfall, der sich in und um Schildgen abspielte. Gesichert ist folgende Geschichte: Am 15. April 1980 erschoss der Waffenhändler Stefan Hlywa auf dem Küchenberg in Voiswinkel einen Polizisten und versteckte sich zwei Wochen lang in den Wäldern zwischen Odenthal und Köln-Porz – also rund um Schildgen.

Was war geschehen? Die Kriminalpolizei vermutete ein Waffenlager in einer Wohnung am Hirschweg auf dem Voiswinkeler Küchenberg. Es war die Wohnung von Stefan Hlywas Freundin. Als sich die Beamten Zutritt verschafften, fanden sie das Waffenlager, der 27-jährige Hlywa aber floh wild um sich schießend. Er traf Kriminalhauptmeister Günter Müller, der seinen Verletzungen erlag.

Hinweis der Redaktion: Die Serie „Schildgen wie es war” erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd. Alle Geschichten gibt es jetzt auch gebunden und gedruckt! Das Buch ist im H & Ä und in der Redaktion (Hauptstraße 257) erhältlich. Am 2.12. gibt es eine Lesung mit Laura Geyer im Freiraum des Bürgerportals. 

In einer Rückschau schreibt der Kölner Stadt-Anzeiger: „Danach begann eine Verfolgungsjagd, bei der der Mörder der Polizei immer einen Schritt voraus schien.“ Drei Einsätze mit jeweils 600 Beamten blieben erfolglos. Auf dem Ostfriedhof in Köln-Dellbrück unterbrachen 450 Polizisten zu Pferd und zu Fuß sowie im Hubschrauber eine Beerdigung, weil Hlywa angeblich dort gesehen worden war.

Damals gab es weder Handys noch Internet. Die Menschen erfuhren immer erst am nächsten Morgen aus der Zeitung, was am Vortag geschehen war. Die Polizei schickte Lautsprecherwagen durch die Straßen: Eltern sollten ihre Kinder nicht draußen spielen lassen.

Sogar der Spiegel berichtete damals über „die größte Mörderhatz der Nachkriegszeit“. In dem Artikel heißt es: „Die Kinder im Bergischen Land erfanden ein neues Spiel: Stefan und Gendarm.“

Hlywa war Österreicher, in seinem Heimatland wurde er wegen Auto- und Waffendiebstahls gesucht. „Das ganz dicke Ding drehte er nie“, schreibt der Stadt-Anzeiger.

Während seiner Flucht zwischen Odenthal und Köln soll er sich zwischenzeitlich auch in der Schildgener Disco aufgehalten haben. Ein Hinweis löste wohl eine Großrazzia aus: Ein Spezial-Einsatz-Kommando zog mit mehreren Hundert teils schwer bewaffneten Beamten ins 00-dancing, sogar Hubschrauber flogen über Schildgen. Hinter der Wandvertäfelung des Clubs suchten sie nach versteckten Waffen, fanden aber nichts – auch keinen Stefan Hlywa. In den Zeitungen ist von dieser Anekdote nichts zu lesen.

Sowohl der KStA als auch der Spiegel schreiben schließlich, wie die Geschichte endete: Am 1. Mai 1980 wurde Hlywa dabei beobachtet, wie er nachts auf dem Küchenberg über den Zaun zum Haus seiner Freundin kletterte. Eine halbe Hundertschaft schwerbewaffneter Beamten stürmte das Haus. Sie fanden den jungen Mann im Keller. Tot. Er hatte sich selbst in den Mund geschossen. „Dann war der Spuk vorbei.“

Sterneküche und rosa Chippendale

Vorbei war es auch mit dem 00-dancing. Mitte der 1980er-Jahre eröffnete im alten Haus Billstein das Hotel-Restaurant Ambassador. Der Betreiber war ein wohlhabender Schildgener. Sein Plan war es, hier eine Sterne-Gastronomie zu eröffnen. Er ließ Wandvertäfelungen sowie Marmortanzflächen mit heimeliger Beleuchtung einbauen und importierte Möbel aus Italien, ergänzt durch Chippendale-Stücke in weißem Schleiflack mit altrosa-farbenen Bezügen. Letztere hielten sich bis zur Nutzung des Gebäudes als Flüchtlingsunterkunft, doch dazu später.

Achim Rieks genoss hier Ende der 80er-Jahre einmal mit seiner Frau Birgitta ein feierliches Weihnachtsessen in großer Runde. Er erinnert sich: „Das Essen war sehr gut, das Ambiente ziemlich mondän. Es gab Gans, zwischen weißen Lackmöbeln und Spiegeln.“ Aber auch das Ambassador war nur eine kurze Episode.

Vom Hotel-Restaurant zur Flüchtlingsunterkunft

Haus Pohle im Spätsommer 2015

1990 eröffnete das Haus Pohle. Im Hotel gab es 17 Betten in fünf Doppel- und sechs Einzelzimmern. Das Restaurant bot Platz für bis zu 60 Gäste. Bis 2015 lief der Betrieb, im Sommer schloss Haus Pohle. Die Stadt Bergisch Gladbach zögerte nicht lange: Angesichts der immer zahlreicher einreisenden Flüchtlinge kaufte sie das Gebäude.

Schon im September zogen die ersten Menschen ein. Das Ehepaar Rüsing und Gisela Schmidt kümmerten sich von Anfang an um die neuen Nachbarn, bald bildete sich ein dichtes Netz engagierter SchildgenerInnen um sie. Bis die Unterkunft Ende 2017 schloss.

Aber damit ist die Geschichte keineswegs zu Ende, denn im Jahr 2020 soll hier die neue Feuerwache eingeweiht werden.

Im Spätherbst 2019 wurde das Haus Pohle abgerissen.

Quellenhinweise

Die meisten Informationen stammen aus Gesprächen, die Achim Rieks mit Gisela Schmid und dem Ehepaar Rüsing geführt hat. Weitere Quellen zur Geschichte von Stefan Hlywa:

  • Karin Grunewald: „Stefan Hlywa. Wie die Jagd nach einem Phantom“. Kölner Stadt-Anzeiger, 30.04.2010.
  • „Der reine Rummel“ (ohne Autor). Spiegel, 05.05.1980.

Die historischen Fotos wurden zur Verfügung gestellt von der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Schildgen. Die Fotos von Haus Pohle stammen aus dem Bürgerportal-Archiv und von Werner Rüsing.

Weitere Beiträge aus der Serie:

Das Buch zur Schildgen-Serie ist da

Eine lebende Sirene und ein Großbrand

Gottfried Böhm: Der alte Mann und die Kirche

Unsere Serie „Schildgen wie es war” wird zum Buch

Als Schildgen ein Kino hatte & der Pfarrer den Saal füllte

Zwei herrschaftliche Höfe, zwei Familientragödien

„Wir flitzten raus, wenn der Pfarrer nicht hinsah“

Wie sich die Schildgener Kinder vom Acker machten

Als man zum Trinken und Tanzen nach Schildgen kam

Die Königin und der Kolonialwarenladen

Von zähen Katholiken und der Vereinigung Schildgens

Die Kämpfe um Schildgen: ein reales Drama

„Jot esse un drenke hält Liev un Siel zesamme“

Von Steinzeit-Siedlern und mittelalterlichen Straftätern

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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2 Kommentare

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  1. Gut geschrieben,,recherchiert und erklärt! Hut ab!
    Bin 1964 in GL geboren ,habe bis 1973 im Odenthaler Markweg gelebt,dann,bis 1992 in Paffrath und seitdem im Land Brandenburg.
    In Katterbach zur Schule gegangen und im Strandbad Katterbach quasi täglich gewesen ( Verwandtschaft wohnte dort).
    Hr.Meuten ist mir auch bekannt.
    Anmerkung:
    Der Schreibwarenladen Koschel war im Gebäude des Kinos,aber zu Altenberger – Dom – Strasse hin.
    Hr. Koschel war Invalide.