Als Ingrid Koshofer nach Schildgen zog, war der Golemich ihr wichtigster Rückzugsort. Im letzten Teil der Serie „Schildgen wie es war” erzählt sie, wie das Waldstück zu seinem Namen kam, warum hier ein Haupthandelsweg durchführte und was mit den prächtigen Forellenteichen geschah.

Ein schmaler Pfad führt von der Waldstraße ins Gehölz. Es wird dunkler und ein wenig kühler, als wir eintreten. „Das ist der Golemich“, sagt Ingrid Koshofer. Sie geht schnellen Schrittes voran. Auf den Wegen erinnert Sand an die Ursprünge Schildgens. An den Seiten liegen umgekippte Bäume und aufgestapelte Stämme. Unser Ziel sind die Forellenteiche im Nordosten Schildgens – oder vielmehr das, was von ihnen übrig ist.

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Koshofer kennt sich hier bestens aus. 1973 ist sie mit ihrem Mann Gert in die Waldstraße gezogen. Schildgen gefiel ihr erst gar nicht: „Es war total bieder, die Frauen liefen mit Schürzen umher. Ich war anderes gewöhnt, wir kamen aus der Großstadt.“ Ihr Mann ergänzt, mit einem Augenzwinkern: „Mülheim an der Ruhr.“

Gert Koshofer hatte einen Job bei Agfa in Leverkusen bekommen. Schon zuvor hatte er sich viel mit Farbfotografie beschäftigt, die „Gesellschaft für Farbfotografische Versuche“ mitbegründet und als freier Autor für internationale Film- und Fotofachzeitschriften gearbeitet.

In Köln wurde er später Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh). Ab Anfang der 1970er Jahre fotografierte Gert Koshofer immer wieder in der DDR. Das brachte ihm sechs Stasi-Akten unter dem Beobachtungsnamen „Assessor“ ein – seinem akademischen Grad als Jurist.

Ingrid Koshofers Karriere nahm erst später an Fahrt auf, aber dazu kommen wir noch. Zunächst einmal fand sie sich mit drei Kindern zu Hause, in einer Nachbarschaft, die ihr unwahrscheinlich spießig erschien. „Der Wald war mein einziger Trost“, sagt sie. Von ihrem Zuhause aus konnte sie durch die Hintertür direkt in den Golemich laufen.

Damals war es hier auch noch schön: Aus dem großen Teich floss das Wasser kaskadenartig in die drei tiefer gelegenen Forellenbecken. Überall schwammen Fische, quakten Gelbbauchunken, flirrten Libellen. „Die Sonne spiegelte sich in den herrlichen Wasserflächen“, sagt Koshofer. Der Wald war der Ort, an dem sich die Menschen begegneten.

Im Winter liefen die Schildgener Kinder hier Schlittschuh, im Sommer durchquerten sie die Teiche mit Flößen. Gert Koshofer erinnert sich an ein Foto, das er 1974 aufgenommen hat. Eine Mülheimer Freundin hatte sie besucht: „Gitti machte sich lustig, wir seien auch schon spießig geworden. Dann zog sie ihre Pelzweste über und stieg selbst aufs Floß.“ Er lacht.

Die Mönche und der Handelsweg

Aber gehen wir noch mal ein paar Schritte zurück. Im 12. Jahrhundert siedelten sich die Zisterzienser-Mönche in Odenthal an. Sie bauten nicht nur den Altenberger Dom, sondern betrieben auch viel Landwirtschaft und Viehzucht. Da das „Freitags-Gebot“ kein Fleisch auf dem Speisezettel zuließ, legten sie wohl die ersten Forellenteiche in Schildgen an, das ja damals noch zu Odenthal gehörte.

Durch das Waldgebiet führte auch der Haupthandelsweg zwischen Odenthal und Köln. Die Bauern transportierten ihre Waren an der ehemaligen Gaststätte „Cramer“ vorbei durch den Golemich und den Unterscheider Weg Richtung Dünnwald.

Wo heute die Straße verläuft, erhob sich zu der Zeit noch die höchste Sanddüne der Gegend, der Galgenberg. Er wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts abgetragen, sein Material floss 1850 unter anderem in den Bau der Altenberger-Dom-Straße.

Bis dahin führte eine sandige Piste steil von Odenthal nach Schildgen hoch. Die Ochsen und Pferde schafften es schlichtweg nicht, die beladenen Karren dort hochzuziehen.

So lenkten die Bauern und Händler sie stattdessen am Rand der Düne entlang. Sogar Napoleon soll mit seinen Truppen durch den Golemich in Richtung Russland marschiert sein.

Hinweis der Redaktion: Die Serie „Schildgen wie es war” erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd. Alle Geschichten gibt es jetzt auch gebunden und gedruckt! Die erste Auflage ist bereits ausverkauft, in der Redaktion gibt es noch einige Restexemplare. Ab 19.12. erscheint der stark limitierte Nachdruck – der Vorverkauf im Himmel & Ääd hat bereits begonnen!

Das Waldstück war damals dunkel und feucht. Dazu gab es viele Eulen. Die Gegend war also ziemlich unheimlich. Der Name „Golemich“ soll sich aus dem Ruf der Käuzchen entwickelt haben – er klingt ein bisschen wie „Hole mich“. So besagt es zumindest der Volksmund. Der Bonner Flurnamenforscher Tobias Vogelfänger dagegen glaubt, dass „Golemich“ für „Bach mit schlechter Wasserqualität“ steht: Laut Rheinischem Wörterbuch bedeutet „gol“ bitter, verdorben schmeckend, und „-mich“ Bach.

Dr. Paul Silverberg und die Stelzenstraße

Was auch immer der Name besagt: Viele Jahre später übernahm der aus Folge 8 bekannte Dr. Paul Silverberg den Hoverhof und das dazugehörige Waldstück. Er ließ die Teiche wiederherrichten und engagierte eigens jemanden, der sich um die Forellenzucht kümmerte. Silverberg ließ außerdem Bänke aufstellen und lud die SchildgenerInnen ein, dort die Natur zu genießen.

Er schätzte den Golemich auch selbst sehr. Am Wochenende erhielt er manchmal Besuch von seinem Freund Konrad Adenauer, der damals Oberbürgermeister von Köln war. Gemeinsam sattelten sie die Pferde und ritten durch Wald und Flur. Zum Abschluss kehrten sie häufig in der nicht mehr vorhandenen „Sommerwirtschaft Buschhorn“ ein. Einige Male sollen die Männer einen Friseur aus Schildgen dorthin bestellt haben, der Konrad Adenauer dann in einem Nebenraum die Haare schnitt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel der Golemich ans Land. Seither kümmert sich niemand so recht um die Teiche.

Ende der 1970er-Jahre sollte einmal eine Umgehungsstraße auf Stelzen durch den Wald gebaut werden. „Die könnten wir heute gut gebrauchen“, sagt Gert Koshofer, wieder mit einem Augenzwinkern. Aber den Golemich wollte dafür niemand opfern.

Der Plan scheiterte, wahrscheinlich auch an den Gelbbauchunken, die in den Teichen lebten. Ingrid Koshofer: „Schade, jetzt ist man sie auf natürlichem Weg losgeworden.“

Ingrid Koshofer und die Zukunft der Teiche

Von den kaskadenartig angelegten Teichen ist heute nicht mehr viel zu sehen. Die Becken sind versumpft, Gräser, Farne und Bäume haben alles überwuchert. Nur vereinzelte Pfützen und ein untergründiges Rauschen erinnern daran, dass hier einst ein wunderbares Biotop existierte.

Ingrid Koshofer wurde aktiv, rief bei der Kreisverwaltung an, immer wieder. Sie bewegte den zuständigen Beamten zweimal zu einer Ortsbegehung. Und sie ließ selbst eine Bank mit Blick über die Teiche aufstellen – „als Ausrufezeichen“, wie sie sagt.

Koshofer hatte sich längst mit Schildgen angefreundet und engagierte sich vielfach für ihre neue Heimat. Sie führte 15 Jahre lang den Ortsverband der FDP, war ebenso lange Bürgermeister-Stellvertreterin und ist bis heute aktiv im Stadtrat. Sie initiierte unter anderem die Benefizaktion „Kunst tut gut“, mit der sie jährlich rund 15.000 Euro für soziale Zwecke sammelt.

Für ihre kulturellen und sozialen Aktivitäten erhielt sie vor fünf Jahren das Bundesverdienstkreuz. Sie war Mitbegründerin so- wie langjährige Autorin der Stadtteilzeitung „Dorfplatz“. Und auch für den tatsächlichen Dorfplatz setzte sie sich maßgeblich ein.

Wenig überraschend, dass Koshofer mit ihrem Engagement für die Teiche Erfolg hatte: Im Winter soll das obere Becken ausgebaggert werden. Da es mit dem Waschbach, dem Mühlenbach und vielleicht sogar dem Mutzbach mehrere Zuflüsse hat, wird es sich bald wieder füllen, ist sich Koshofer sicher. Das Wasser wird sich auch seinen Weg in die unteren Teiche bahnen. Und dann könnten im Golemich bald wieder Gelbbauchunken quaken und Libellen flirren.

Quellenhinweise

  • Ingrid Koshofer: „Fischteiche erinnern an die Gründerzeit“. Dorfplatz Ausgabe 10, März 2009.
  • Ingrid Koshofer: „Neue Bank am ehemaligen Forellenteich“. Dorfplatz Ausgabe 13, Oktober 2010.

Die historischen Fotos stammen von Gert Koshofer.

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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