Zu Beginn der Krise dachten wir noch nicht an die vielen Auswirkungen, welche die gesellschaftliche Corona-Therapie – nämlich die Kontaktsperre – haben würde. Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach meinte ja im Frühstücksfernsehen, dass die Therapie teils schlimmer sei als die Krankheit selbst.

Er hat nicht ganz unrecht. So nach und nach verschwanden all unsere Termine auf dem heimischen Familienkalender. Unter einem blickdichten Strich von Tipp-ex, der Endgültigkeit demonstrierte.

Kein „mal sehen“, „vielleicht geht es doch“, „wir können ja Abstand halten“, oder „nur ganz kurz“. Nein, die wachsende Einsicht in die Notwendigkeit der Isolation machte klar: Wir bleiben unter uns und müssen alles absagen.

Die Kette an Verabredungen, dieses leicht genervte „Oh Gott, die nächsten acht Wochenenden geht bei uns nichts mehr“ – alles futsch.

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Was geht uns dadurch alles verloren? Eine Reihe von geplanten Familienfesten, Besuche der Großeltern, die vor Monaten gebuchten Tickets für das Musical, das regelmäßige Mittagessen mit einem Freund, Verabredungen der Kinder mit Freunden, Treffen der Tinnitus-Selbsthilfegruppe, gemeinsames Klönen, das lange geplante Musikfestival, und und und.

Die Verlierer der Krise

Aber dann wuchs der Gedanke: Ok, wir verlieren viel, aber gewinnen wir durch die erzwungene Klausur nicht auch etwas?

Ja klar. Die Entschleunigung schenkt der Familie mehr Zeit und Ruhe. Zeit gemeinsam zu spielen, zu kochen oder zu backen. Zeit kleine Abenteuer im Garten zu erleben, ein spontanes Picknick in der Sonne auf der Bank zu genießen. Zeit alte Basteleien wie das Dosentelefon wiederzuentdecken. Muße für ein gemeinsames Frühstück.

Aber auch Zeit, Freunden und Bekannten zuzuhören, wie sie die Krise erleben und meistern. Denn den Anekdoten gesellen sich auch immer mehr Sorgen und Nöte hinzu.

Und damit wandern meine Gedanken zu jenen zurück, welche unter der Isolation leiden: Senioren ohne Besuch der Verwandten, psychisch Kranke ohne Therapie, Kinder in suchtbelasteten oder getrennten Familien ohne Besuchsmöglichkeiten, Menschen, die den Arbeitsplatz verlieren.

Es tun sich viele Hilfsmöglichkeiten auf, ja. Aber diese Menschen gehören zu den Verlierern der Krise, ohne dass sie womöglich krank werden. Die Therapie kann wirklich schlimmer sein als die Krankheit selbst.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Mein Sohn ist 32, geistig behindert und nicht sprechend. Er kommt jedes zweite Wochenende zu uns und verbringt es hier mit uns, seine Geschwister kommen dann normalerweise zum großen Familienfrühstück dazu. Er liebt es, aber jetzt ist alles anders und er versteht es nicht. Gestern habe ich das erste Mal mit ihm im Wohnheim über Skype gesprochen und er hat mit seinen Gesten geantwortet. Er sah direkt sehr viel glücklicher aus. Wie schön, dass die Betreuerin das möglich gemacht hat. Das wäre auch eine Idee für andere Wohnformen, funktioniert aber nur mit viel Engagement der bereits überlasteten Pflegekräfte. Wir durften auf diesem Weg ein wenig Glück erfahren.