Verfolgung, Deportation, Zwangsarbeit, Widerstand und Krieg in Bergisch Gladbach und Bensberg – Gastautor Tomás M. Santillán führt die Bruchstücke einer immer noch nicht vollständig aufgearbeiteten Geschichte zusammen.
Wir veröffentlichen einen Beitrag von Tomás M. Santillán
Der 9. November 1938 steht für die gewaltsame Eskalation der nationalsozialistischen Judenverfolgung. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet, Menschen misshandelt und ermordet. Zehntausende jüdische Deutsche wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Was als Pogrom organisiert und von staatlichen Stellen geduldet und gesteuert wurde, war ein weiterer Schritt auf dem Weg zur systematischen Entrechtung, Deportation und Ermordung der europäischen Jüd:innen.
Diese Geschichte fand nicht nur in Berlin, München, Nürnberg oder Köln statt. Sie spielte sich auch vor unserer Haustür ab: in Bergisch Gladbach, Bensberg, Schildgen, Untereschbach, Immekeppel und den umliegenden Orten. Menschen wurden ausgegrenzt, ihrer Rechte beraubt, verhaftet, gefoltert, deportiert und ermordet.
Andere mussten Zwangsarbeit leisten. Politische Gegner:innen wurden eingeschüchtert und verfolgt. Jüdische Nachbar:innen verschwanden aus dem Alltag, weil sie fliehen mussten oder deportiert wurden. Einzelne Menschen riskierten ihr eigenes Leben, um Verfolgte zu verstecken und zu retten.
Auch die letzten Kriegstage forderten in unserer Region zahlreiche Opfer. Zwangsarbeiter:innen wurden ermordet, Menschen starben bei Bombenangriffen und Kampfhandlungen. Soldaten verschiedener Nationen liegen auf den örtlichen Kriegsgräberstätten begraben.
Hinweis der Redaktion: Tomás M. Santillán ist seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Kommunalpolitik aktiv. Er gehört der Linken und als fraktionsloses Mitglied dem Stadtrat an.
Diejenigen, die noch davon berichten werden immer wenige. Einiges davon ist bekannt, vieles bislang nur teilweise erforscht. Manche Namen sind auf Stolpersteinen und Gedenktafeln festgehalten. Andere finden sich in Akten, Zeitzeugenberichten oder verstreuten Veröffentlichungen. Für einige Orte – insbesondere Untereschbach und Immekeppel (gehörten früher zu Bensberg) – fehlen noch systematische lokale Untersuchungen.
Dieser Beitrag ist deshalb keine abgeschlossene Gesamtdarstellung, sondern wohl nur ein sehr kleiner Teil der Opfer, der Vorgänge und der Namen der Täter. Er führt zusammen, was sich anhand der bislang auffindbaren Quellen belegbar ist und auch hier wird vieles fehlen.
Fünf Termine für das Gedenken an die Reichspogromnacht
Von Samstag bis Dienstag wird bei Mahnwachen und Gedenkstunden, einem Theaterstück und einer Gedankenreise an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erinnert.
Er soll an die Opfer erinnern, ihre Namen und Lebensgeschichten sichtbar machen und zugleich dazu beitragen, die noch offenen Fragen zu benennen. Denn zur Erinnerung gehört auch, die Verantwortung der Täter zu untersuchen.
Die Novemberpogrome: Der Terror begann nicht erst mit den Deportationen
Die Pogrome vom November 1938 waren kein spontaner Ausbruch von Gewalt. Sie wurden von der NS-Führung organisiert und von Parteigliederungen, SA, Polizei und weiteren staatlichen Stellen getragen. Jüdische Menschen wurden misshandelt, ermordet, verhaftet, verschleppt und vertrieben. Synagogen, Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. Die Verhaftungen führten viele der Betroffenen in Konzentrationslager.
Auch in Bergisch Gladbach und Bensberg hatte die Ausgrenzung lange vorher begonnen. Jüdische Einwohner:innen verloren ihre wirtschaftliche Existenz, wurden aus dem gesellschaftlichen Leben gedrängt und schließlich in sogenannten Judenhäusern zusammengepfercht. Die Stadtgeschichte dokumentiert, dass jüdische Menschen in Bergisch Gladbach spätestens ab 1941 zwangsweise in Wohnungen eingewiesen und von dort deportiert wurden.
Die Geschichte der lokalen Verfolgung ist deshalb nicht auf den 9. November 1938 zu beschränken. Sie umfasst die gesamte Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft – von der Entrechtung und Einschüchterung ab 1933 bis zu den Deportationen und Morden in den letzten Kriegsjahren.
Jüdische Menschen aus Bergisch Gladbach
Das sogenannte Judenhaus an der Bensberger Straße
Ein besonders erschütternder Ort der lokalen Verfolgung war das ehemalige Stellawerk-Gelände an der heutigen Richard-Zanders-Straße. In der Direktorenvilla an der Bensberger Straße 188a wohnte ab 1939 der jüdische Chemiker Ernst Simon Danzig. Mit ihm lebte dort die jüdische Hausangestellte Erna Kahn. Im Herbst 1941 wurden weitere jüdische Menschen zwangsweise in die Wohnung eingewiesen: Reinhold Joschkowitz, seine Mutter Elise Joschkowitz und Henriette Zimmermann.
Die Wohnung wurde damit zu einem sogenannten Judenhaus. Die Menschen lebten unter Zwang und unter der ständigen Bedrohung der Deportation.
Ernst Simon Danzig (1885–1942) nahm sich am 17. Juni 1942 vor seiner bevorstehenden Deportation das Leben. Die städtische Dokumentation überliefert, dass der herbeigerufene Polizeibeamte nach einer Zeugenaussage erklärte, der Jude könne ruhig sterben; er wolle jetzt Skat spielen.
Von den Nazis ermordet: Eine Enkelin erinnert sich an Erich Deutsch
Im Vorfeld des heutigen Holocaust-Gedenktags, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, hatte das Begegnungscafé Himmel un Ääd Ursula Völkner zu Gast. Sie ist die Enkelin des jüdischen Arztes Dr. Erich Deutsch, der aus Schildgen verschleppt und in Theresienstadt ermordet worden war.
Erna Kahn (1890–1943) wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 23. Januar 1943 von dort nach Auschwitz transportiert.
Henriette Zimmermann (1875–1942) wurde nach Theresienstadt deportiert und am 19. September 1942 von dort nach Treblinka gebracht. Sie wurde für tot erklärt.
Elise Joschkowitz (1859–1944) wurde im Februar 1943 deportiert. Sie starb am 10. Januar 1944 in Theresienstadt an den Folgen von Hunger und Entkräftung.
Reinhold Joschkowitz (1894–1952) überlebte die Deportation nach Theresienstadt. Er kehrte schwer krank und an Tuberkulose erkrankt zurück und starb am 22. Dezember 1952 in Köln.
Die Geschichte der Familie Joschkowitz zeigt, wie die Verfolgung auch nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in den Körpern und Lebenswegen der Überlebenden weiterwirkte.
Weiterführende Quellen und Gedenkorte:
- Stadt Bergisch Gladbach: Stellawerk – Erläuterungen zur Gedenktafel und zur Verfolgung jüdischer Menschen
- Landesarchiv NRW: Stolpersteine und Biografien der Opfer in Bergisch Gladbach
Weitere jüdische Opfer aus Bergisch Gladbach
Auch an anderen Adressen erinnern Stolpersteine an Menschen, die aus ihrem Alltag gerissen wurden:
Dr. Erich Deutsch (1877–1944) war Medizinalrat und lebte in Schildgen. Er wurde 1944 nach Theresienstadt deportiert. Nach seiner Ankunft wurde er auf dem Hof der Kleinen Festung von Wachleuten so schwer mit Stöcken und einer Eisenstange misshandelt, dass er am folgenden Tag, dem 5. Oktober 1944, starb.
Harry Freymuth (1881–1944) lebte zuletzt in der Hüttenstraße 40. Er wurde nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 28. April 1944.
Gertrud Stockhausen, geborene Stupp (1900–1941) wurde bereits 1932 in die Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen eingewiesen. Am 27. Mai 1941 wurde sie in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht und im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde ermordet.
Ein Stolperstein für Gertrud Stockhausen in Bärbroich
Die Mutter des Komponisten Karlheinz Stockhausen hatte im Schulhaus in Bärbroich gewohnt und wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Gunter Demnig erinnert an ihr Schicksal – und erfüllt damit den Wunsch einer jungen Forscherin.
Jüdische Lebensgeschichten aus Schildgen
Die Geschichte jüdischen Lebens in Schildgen reicht weit über die Stolpersteine im Stadtgebiet hinaus. Eine Recherche des Bürgerportals in-gl.de hat mehrere Biografien zusammengetragen:
Dr. Paul Silverberg (1876–1959) war ein bedeutender Unternehmer und lebte auf dem Hoverhof in Schildgen. 1933 emigrierte er in die Schweiz. Seine Flucht war eine unmittelbare Folge der nationalsozialistischen Machtübernahme und der zunehmenden Ausgrenzung jüdischer Menschen.
Martin Reichenbach, ein erfolgreicher Hutfabrikant, emigrierte 1939 nach England. Seine Familie hatte Schildgen bereits zuvor verlassen.
Jascha Lülsdorf, der später als Fotograf Jacques Lowe bekannt wurde, wurde als Kind gemeinsam mit seiner Mutter in der Schildgener „Post“ vor den Nationalsozialisten versteckt. Er überlebte und wurde später ein international bekannter Fotograf.
Diese Lebensgeschichten zeigen unterschiedliche Wege des Überlebens: Flucht ins Ausland, Emigration im letzten möglichen Moment oder Rettung durch Menschen, die Verfolgte versteckten.
Die nationalsozialistischen Krankenmorde
Die nationalsozialistischen Krankenmorde, oft beschönigend als „Euthanasie“ bezeichnet, gehörten zu den zentralen Verbrechen des Regimes. Menschen mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder anderen Zuschreibungen wurden entrechtet, zwangsweise in Anstalten untergebracht und ermordet.

Gertrud Stockhausen
Gertrud Stockhausen, geborene Stupp, wurde am 27. Mai 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Ihr Stolperstein befindet sich in Bärbroich 17. Ihre Geschichte steht für die systematische Ermordung von Menschen, die das Regime als „lebensunwert“ diffamierte.
Maria Herbrand
Auch Maria Herbrand aus Refrath wurde Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde. Sie war in der Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen untergebracht und wurde am 2. Mai 1941 in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht und dort ermordet. Ihre Angehörigen wissen bis heute nicht, welche persönlichen Umstände zu ihrer Einweisung geführt hatten. Die Überlieferung ihrer Lebensgeschichte ist deshalb auch ein Beispiel dafür, wie viel biografische Aufarbeitung noch aussteht.
Politische Verfolgung und Folter im Stellawerk
Die nationalsozialistische Verfolgung traf nicht nur jüdische Menschen. Bereits 1933 gingen die neuen Machthaber gegen Kommunist:innen, Sozialdemokrat:innen, Gewerkschafter:innen und andere politische Gegner:innen vor.
Ein besonders dunkles Kapitel ist das ehemalige Stellawerk in Heidkamp. Auf dem Gelände der stillgelegten Fabrik wurden vom 29. Juni bis zum 3. Juli 1933 politische Gefangene festgehalten und misshandelt. Die SA betrieb dort in Zusammenarbeit mit lokalen Polizeibehörden eine frühe Form eines Konzentrationslagers. Insgesamt wurden 29 Gefangene in die Räume des Stellawerks gebracht. Ein Ermittlungsvermerk der Polizei aus dem Jahr 1947 nennt 13 Männer, die dort von SA-Männern misshandelt worden waren.
Zu den namentlich bekannten Betroffenen gehörten:
Heinrich Melchior aus Hand wurde von SA-Männern mit Knüppeln und Kohlenschaufeln misshandelt. Er erlitt einen Schädelbruch und zahlreiche gebrochene Rippen und musste zehn Wochen im Krankenhaus behandelt werden.
Friedrich Pesch aus Paffrath wurde mit einem Gummiknüppel und Faustschlägen misshandelt. Die Schläge führten zu einer bleibenden Schädigung seines Gehörs.
Max Wüllwerath wurde so schwer geschlagen, dass sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. Er verlor das Bewusstsein.
Willi Laudenberg war nach dem Erinnerungsbericht von Hans Kroll parteilos. Er starb später an den Folgen der Folterungen.
Jean Kürten erlitt durch die Misshandlungen bleibende Verkrüppelungen an den Händen.
Die Namen der weiteren in dem Ermittlungsvermerk genannten Männer sollten im Rahmen einer vertieften Archivarbeit ebenfalls veröffentlicht werden. Die vorhandenen Quellen zeigen bereits, dass die Misshandlungen nicht vereinzelte Übergriffe waren, sondern systematisch und in eigens dafür genutzten Räumen stattfanden.
Verfolgte, die überlebten
Nicht alle Menschen, die verhaftet, misshandelt oder deportiert wurden, starben. Ihre Lebensgeschichten gehören ebenso zur Erinnerung. Sie zeigen, dass Überleben möglich war, aber häufig mit lebenslangen gesundheitlichen und psychischen Folgen verbunden blieb.
Reinhold Joschkowitz
Reinhold Joschkowitz überlebte die Deportation nach Theresienstadt. Er kehrte nach dem Krieg schwer krank nach Bergisch Gladbach zurück und starb 1952. Seine Geschichte ist durch die städtische Dokumentation und den Stolperstein an der Adresse An der Tent 2 belegt.
Auguste Cartal – Häftling im Außenlager Bensberg
Im Schloss Bensberg befand sich von März bis Dezember 1944 ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Das Schloss war zu dieser Zeit eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NAPOLA). Für Bau- und Reparaturarbeiten wurden KZ-Häftlinge eingesetzt.
Gedenken an die NAPOLA im Schloss: „Jahre später trage ich hier das Erbe“
Seit gestern weisen zwei Stelen auf einen schwarzen Fleck in der Geschichte des Bensberger Schlosses hin: Hier hatten die Nazis eine ihrer „Nationalpolitischen Lehranstalten“ unterhalten, Jugendliche zum Hass erzogen und zwei Zwangsarbeiter ermordet. Eine Geschichte, die Schüler:innen des OHG ausgegraben und aufgearbeitete hatten. Und den Impuls für die Mahnmale gegeben hatten.
Zwischen März und Dezember 1944 durchliefen insgesamt 13 männliche Häftlinge das Lager. Die ersten zehn kamen am 28. März 1944 aus Buchenwald. Es handelte sich um neun tschechische und einen sowjetischen Häftling. Die Männer waren Handwerker, darunter Dachdecker, Zimmerleute, Maurer und Tischler.
Auguste Cartal aus Frankreich wurde Anfang Mai 1944 nach Buchenwald deportiert und ab Juli 1944 im Außenlager Bensberg eingesetzt. Später wurde er nach Hardehausen verlegt. Er überlebte und starb 1991 in seiner Heimatstadt.
Peter Walterscheidt – politisch verfolgt
Peter Walterscheidt, Sozialdemokrat und früherer Leiter des Bergisch Gladbacher Arbeitsamtes, wurde im März 1933 von der SA verhaftet, misshandelt und öffentlich durch die Stadt geführt. 1935 geriet er erneut ins Visier der politischen Polizei, nachdem er sich kritisch über Nationalsozialisten geäußert hatte. Am 10. Februar 1935 wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen. Die Quellen belegen seine politische Verfolgung, Misshandlung und Bedrohung.
Menschen, die Verfolgte retteten
Neben den Täter:innen und Opfern gab es Menschen, die sich dem faschistischen Unrecht widersetzten. Sie versteckten jüdische Menschen, halfen bei der Flucht oder riskierten ihr eigenes Leben, um andere zu schützen.
Auguste und Dr. Fritz Fuchs – Rettung von Henriette Jordan
Am 17. September 1944 nahmen Auguste Fuchs (1887–1971) und Dr. Fritz Fuchs (1881–1972) die rassistisch verfolgte Jüdin Henriette Jordan (1886–1981) aus Wuppertal in ihrem Haus in Biese bei Schildgen auf. Ihr nichtjüdischer Ehemann war am Vortag vor der bevorstehenden Deportation gewarnt worden.
Das Ehepaar versteckte Henriette Jordan bis zum Einmarsch der amerikanischen Truppen am 13./14. April 1945. Damit bewahrten sie sie vor Deportation und Ermordung. 2010 wurden Auguste und Fritz Fuchs von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Der Platz hinter dem Bürgerhaus in Schildgen trägt seit 2015 ihren Namen.
Christine Quirl und die Rettung von Jascha Lülsdorf
Auch Jascha Lülsdorf, der später als Fotograf Jacques Lowe bekannt wurde, überlebte durch die Hilfe von Menschen aus Schildgen. Er wurde als Junge gemeinsam mit seiner Mutter in der Schildgener „Post“ versteckt.
„Jot esse un drenke hält Liev un Siel zesamme“
Wussten Sie, dass die „Alte Post“ schon zur Zeit Napoleons ein Treffpunkt war? Dass Christine Quirl die Gaststätte später 17 Jahre lang alleine führte und hier eine jüdische Familie versteckte? In Teil 2 der Serie „Schildgen wie es war“ geht es um Gasthöfe.
Die lokale Recherche nennt Christine Quirl im Zusammenhang mit der Rettung. Die genaue Chronologie und die einzelnen Beiträge der Helfer:innen sollten anhand der zugrunde liegenden Familien- und Archivunterlagen weiter dokumentiert werden.
Zwangsarbeit und Ermordung in den letzten Kriegsjahren
Zwangsarbeit war ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Menschen aus den besetzten Ländern wurden nach Deutschland verschleppt und mussten unter Zwang in Fabriken, Landwirtschaft, Handwerk und anderen Betrieben arbeiten. Sie waren Entrechtung, Gewalt, schlechter Versorgung und rassistischer Diskriminierung ausgesetzt.
Nach den Recherchen des Historikers Joachim Scholtyseck waren im Raum Bergisch Gladbach während des Krieges rund 3.000 Zwangsarbeiter:innen eingesetzt. Im Gussstahlwerk arbeiteten zeitweise etwa 550 Menschen.
Die Erschießung von 17 sowjetischen Zwangsarbeitern am Wapelsberg
Am 16. März 1945 wurden nach der Darstellung Scholtysecks 17 sowjetische Arbeiter in einem Steinbruch am Wapelsberg erschossen. Ihnen wurde Plünderung vorgeworfen. Die Hinrichtung steht für die brutale Behandlung von Zwangsarbeiter:innen in den letzten Kriegswochen.
Der Steinbruch am Wapelsberg (historisch teils auch als Kiesgrube Frangenberg bezeichnet) war eine ehemalige Abbaugrube im heutigen Ortsteil Wapelsberg im Stadtteil Paffrath von Bergisch Gladbach. Heute ist das Areal weitgehend eingeebnet und von Wohnbebauung überprägt.
Öffentliche Hinrichtung auf dem Marktplatz
Im März 1945 wurden zwei weitere sogenannte „Ostarbeiter“ in Bergisch Gladbach öffentlich hingerichtet. Sie waren des Diebstahls beschuldigt worden. Die Männer wurden vor dem Bergischen Löwen an einen Laternenpfahl gefesselt und vor etwa 50 Zuschauer:innen erschossen.
Die Vergangenheit bleibt
Zum 80. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert Klaus Hansen die Konzentrationsaußenlager hier in Bergisch Gladbach und an die Verbrechen in den letzten Tagen des Kriegs. Aber auch an die mutigen Frauen und Männer, die noch Schlimmeres verhinderten.
Die Namen der beiden Opfer sind in der hier ausgewerteten Darstellung nicht genannt. Gerade diese fehlenden Namen sind ein Auftrag für weitere Recherche.
Konstantin Wladimirnow und Walerij Winogradow
Zwei weitere Opfer der Zwangsarbeit sind Konstantin Wladimirnow und Walerij Winogradow. Ihre Namen wurden im Zusammenhang mit neuen Stolperstein-Recherchen für Bergisch Gladbach bekannt.
Stolpersteine in Bensberg – Der Geschichte ein Gesicht geben
In der Schlossstraße erinnern neue Stolpersteine an zwei ukrainische Zwangsarbeiter. Sie gehen auf Recherchen von Schülerinnen und Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums zurück. Sie waren dabei auf ein bis heute nicht vollständig aufgeklärtes Kriegsverbrechen im Schlosspark Bensberg gestoßen. Ihre Arbeit macht die Schicksale von Konstantin Wladimirow und Walery Winogradow und anderer Zwangsarbeiter in Bergisch Gladbach sichtbar.
Zwei weitere Stolpersteine: Schüler:innen des OHG erforschen Tod von Nazi-Opfern
In der Schlossstraße in Bensberg werden am Freitag zwei Stolpersteine verlegt, die an die Ermordung von zwei Kriegsgefangenen erinnern. Das Gedenken an Konstantin Wladimirow und Walery Winogradow geht auf die Arbeiten von Schüler:innen des Otto-Hahn-Gymnasiums zurück. Ein weiterer Gedenksteine wird in Refrath eingelassen.
Die Stadt und lokale Initiativen haben ihre Erinnerung in jüngerer Zeit wieder aufgegriffen. Für eine abschließende Darstellung der jeweiligen Lebenswege und der genauen Todesumstände müssen die zugrunde liegenden Forschungsarbeiten und Archivbelege vollständig ausgewertet werden.
Die letzten Kämpfe: Opfer
Im April 1945 erreichte der Krieg die Orte unserer Region unmittelbar.
In der Nacht vom 11. auf den 12. April 1945 schlug amerikanische Fernartillerie in Bensberg ein. Ein Volltreffer traf den Saal der Gaststätte „Rheinischer Hof“ an der damaligen Hauptstraße, in dem zu diesem Zeitpunkt rund 120 italienische Zwangsarbeiter untergebracht waren. Durch die Explosion kamen zwölf der Männer ums Leben.
Bei den anschließenden einzelnen Gefechten in Bensberg kam es zu weiteren Verlusten. Drei deutsche Soldaten, die eine Panzersperre bewachten, beschossen einen amerikanischen Spähpanzer mit einer Panzerfaust und setzten ihn in Brand. Beim Gegenfeuer der US-Truppen wurden die drei deutschen Soldaten getötet; einer von ihnen wurde enthauptet.
Bei Herrenstrunden und dem nahegelegenen Spitze (Kürten) gab es noch Kämpfe mit Toten. Am 13. April rückten US-Truppen weitgehend kampflos in Bergisch Gladbach ein.
Am 14. April kam es in Spitze zu Schießereien. Amerikanische Soldaten, die aus Richtung Herrenstrunden kamen, verdächtigten versprengte deutsche Soldaten und Polizisten des Widerstands und erschossen 21 von ihnen auf der „Rauschs Wiese“. Die Leichen lagen zwei Tage, bevor sie nach Dürscheid gebracht wurden. Ein Ehrenmal erinnert heute daran. Die Malteserkomturei in Herrenstrunden war bereits im Februar 1945 abgebrannt.
In Schildgen kam es am 13. und 14. April zu schweren Kämpfen zwischen amerikanischen Truppen und deutschen Einheiten. Deutsche Panzerjäger, SS-Soldaten und Volkssturmmänner bezogen Stellungen im Ort. Die Kämpfe kosteten 40 Menschen das Leben, darunter 19 Zivilist:innen. 14 der getöteten Zivilist:innen stammten aus Schildgen.
Die Kämpfe um Schildgen: ein reales Drama
Rollende Panzer, heulende Granaten, knatternde Maschinengewehre: Heimatforscher Peter Kombüchen schildert den dreitägigen Kampf um Schildgen zum Ende des 2. Weltkriegs so spannend wie in einem Krimi.
Zu den namentlich überlieferten Opfern gehören:
Pastor Carl Giesen, der in seinem Vorgarten saß, als die ersten Panzergranaten einschlugen. Ein Sprengstück verletzte ihn schwer. Er starb kurz darauf.
Frau Fischer, die von einem deutschen Soldaten erschossen wurde, als sie ein weißes Tuch aus dem Fenster legen wollte.
Christine Kimmel, die mit einem weißen Tuch in der Hand von einem deutschen Panzerjäger in den Rücken geschossen wurde.
Die Berichte machen deutlich, dass Zivilist:innen nicht nur durch alliierte Angriffe starben. Auch deutsche Soldaten und die Fortsetzung des aussichtslosen militärischen Widerstands kosteten Menschenleben.
Refrath: ungeklärte Schicksale und die sogenannten Gestapo-Opfer
Auch auf dem Refrather Ehrenfriedhof gibt es offene Fragen. Überliefert ist, dass fünf unbekannte Menschen – vier Männer und eine Frau – mit Genickschüssen getötet und ihre Leichen im Königsforst verscharrt worden waren. Der damalige Totengräber bestätigte 1949, dass die Toten auf dem Refrather Friedhof in Reihengräbern bestattet worden seien. Ein weiterer Totengräber bestätigte 1950 die Angaben und berichtete von einer Umbettung dreier Leichen im September 1945.
Ob alle fünf Toten später auf den Ehrenfriedhof umgebettet wurden, ist nicht geklärt. Die vorhandenen Unterlagen und Lagepläne lassen Fragen offen. Auf dem heutigen Ehrenfriedhof weist kein Grabstein eindeutig auf diese unbekannten Opfer hin.
Untereschbach und Immekeppel: eine noch offene Forschungslücke
Für Untereschbach und Immekeppel konnten in den bislang ausgewerteten Quellen keine vergleichbar vollständigen Namenslisten von Verfolgten, Zwangsarbeiter:innen oder zivilen Kriegsopfern zusammengestellt werden. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass es dort keine Opfer gegeben hätte.
Beide Orte gehörten historisch zum Amt Bensberg und liegen heute im Stadtgebiet von Overath.
Kriegsgräberstätten: deutsche und ausländische Kriegstote
Die Kriegsgräberstätten in Bergisch Gladbach erinnern an Menschen, die während des Ersten und Zweiten Weltkriegs starben. Für diesen Beitrag geht es ausschließlich um die Toten des Zweiten Weltkriegs. Die Zahlen der Friedhöfe müssen deshalb sorgfältig nach Kriegszeit und Nationalität unterschieden werden.
St. Laurentius
Auf der Kriegsgräberstätte Bergisch Gladbach-St. Laurentius ruhen laut Volksbund insgesamt 288 Kriegstote aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Davon entfallen 281 auf den Zweiten Weltkrieg und sieben auf den Ersten Weltkrieg. Der Volksbund nennt für die Gesamtbelegung 202 Deutsche, 80 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, vier Polen, einen Niederländer und eine weitere Person.
Bensberg
Die Kriegsgräberstätte am Milchbornberg umfasst laut Volksbund 225 Kriegstote. Dort wurden deutsche Soldaten beigesetzt, die bei Luftangriffen auf den Fliegerhorst Köln-Ostheim und den Bahnhof Bensberg ums Leben kamen oder im damaligen Lazarett im früheren Priesterseminar starben. Die Anlage wurde am 20. Mai 1951 eingeweiht.
Refrath
Auf der Kriegsgräberstätte Refrath ruhen 33 Kriegstote aus beiden Weltkriegen. Davon sind 31 dem Zweiten Weltkrieg und zwei dem Ersten Weltkrieg zugeordnet. Der Volksbund weist die dort Bestatteten als deutsche Kriegstote aus.
Schildgen und Paffrath
Für Schildgen weist die Volksbund-Dokumentation 15 Kriegstote des Zweiten Weltkriegs aus, darunter 14 Deutsche und einen Polen. Auf der Kriegsgräberstätte Paffrath-St. Clemens ist ein deutscher Kriegstoter des Zweiten Weltkriegs verzeichnet.
Was die Zahlen aussagen – und was nicht
Der Volksbund nennt in einer regionalen Auswertung 578 Kriegstote, die auf Friedhöfen in Bergisch Gladbach bestattet sind. Außerdem weist seine Gräbersuche 367 Kriegstote mit Geburtsort Bergisch Gladbach aus, deren Gräber über Europa verteilt liegen. Diese beiden Zahlen beschreiben unterschiedliche Gruppen und dürfen nicht addiert werden.
Die Zahlen zeigen außerdem, dass die Erinnerung an die Kriegstoten nicht auf deutsche Soldaten beschränkt werden darf. Auf den örtlichen Friedhöfen liegen auch Menschen aus der Sowjetunion, Polen, Belgien, Frankreich und weiteren Ländern. Viele von ihnen waren keine Soldaten, sondern Zwangsarbeiter:innen oder Kriegsgefangene, die unter den Bedingungen nationalsozialistischer Gewalt ums Leben kamen.
Die Dimension des Krieges in Bergisch Gladbach
Die vom Historiker Joachim Scholtyseck zusammengetragenen Zahlen machen deutlich, wie tief der Krieg in das Leben der Stadt eingriff:
- Zwangsarbeiter:innen im Raum Bergisch Gladbach: rund 3.000
- Zwangsarbeiter:innen im Gussstahlwerk zur Spitzenzeit: rund 550
- Bei Bombenangriffen getötete Einwohner:innen: rund 200
- Im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten aus Bergisch Gladbach und Bensberg: 652
- Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen, die ums Leben kamen: mehr als 200
- Nach 1945 als vermisst gemeldete Einwohner:innen: rund 900
- Bei den Kämpfen in Schildgen getötete Menschen: 40
- Darunter zivile Opfer in Schildgen: 19
- Darunter Einwohner:innen aus Schildgen: 14
- Am Wapelsberg erschossene sowjetische Arbeiter: 17
- Im März 1945 auf dem Marktplatz hingerichtete Zwangsarbeiter: 2
Die Zahlen stammen aus der Darstellung des Kölner Stadt-Anzeigers unter Berufung auf die Forschungen von Joachim Scholtyseck. Sie sind keine vollständige Opferbilanz und dürfen nicht ohne Weiteres addiert werden: Die Kategorien überschneiden sich teilweise, und die Zahl der Vermissten ist nicht mit der Zahl der nachweislich Getöteten gleichzusetzen.
Den Opfern gedenken und die Täter benennen
Die Erinnerung an die Opfer bleibt unvollständig, wenn wir nicht auch nach denjenigen fragen, die Verfolgung und Terror organisiert, ermöglicht oder selbst ausgeübt haben. Wer waren die Funktionäre der NSDAP? Wer führte die SA-Trupps? Wer organisierte Verhaftungen und Misshandlungen? Wer arbeitete für Gestapo oder SS? Und was geschah nach 1945 mit ihnen?
Auch in Bergisch Gladbach und Bensberg gab es lokale Funktionäre, die Verantwortung für die nationalsozialistische Herrschaft trugen. Einige Namen sind durch städtische Quellen, Gerichtsakten und historische Forschungen belegt. Die folgende Liste ist ein erster, quellenbasierter Bestand – keine vollständige Täterbiografie der Region.
Dabei muss zwischen Parteifunktionären, politischen Verantwortungsträgern und nachgewiesenen Gewalttätern unterschieden werden. Eine NSDAP-Mitgliedschaft allein belegt keine individuelle Gewalttat. Umgekehrt darf die Aufarbeitung nicht bei der Feststellung stehen bleiben, dass jemand „nur“ Parteimitglied oder Verwaltungsbeamter gewesen sei. Entscheidend sind Funktion, Handlungsspielraum, Mitwirkung und Kenntnis der Verbrechen.
Walter Aldinger – NSDAP-Kreisleiter
Walter Aldinger war seit 1930 NSDAP-Kreisleiter im damaligen Kreis Mülheim-Land und später im Rheinisch-Bergischen Kreis. Er war außerdem Ortsgruppenleiter in Bergisch Gladbach und seit 1933 Erster Beigeordneter der Stadt. Er gehörte damit zur regionalen politischen Führung der NSDAP und war in die kommunale Machtstruktur eingebunden. Aldinger starb am 21. August 1945 in Odenthal.
Dr. Walter Kappes – Bürgermeister und NSDAP-Funktionär
Dr. Walter Kappes war von 1934 bis 1939 Bürgermeister von Bensberg und anschließend bis 1945 Bürgermeister von Bergisch Gladbach. Er trat am 1. März 1932 der NSDAP bei. Ab 1935 leitete er das Kreisparteigericht der NSDAP im Rheinisch-Bergischen Kreis; von 1941 bis 1943 war er Kreisamtsleiter für Kommunalpolitik.
Das Spruchgericht in Hiddesen verurteilte Kappes am 28. April 1948 als Angehörigen des politischen Führerkorps der NSDAP zu einer Geldstrafe von 5.000 Reichsmark. 1953 erhielt er trotz vorheriger Kürzung wieder sein volles Ruhegehalt.
Hermann Hasberg – Bürgermeister von Bensberg
Hermann Hasberg war von 1940 bis 1945 Bürgermeister von Bensberg. Er trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei. Nach dem Krieg wurde er zunächst in die Kategorie III der Entnazifizierung eingestuft und damit aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen.
Nach einer Berufung wurde er 1949 zunächst als entlastet eingestuft. Diese Entlastung wurde später wieder aufgehoben. Trotzdem wurde er 1950 wieder in den öffentlichen Dienst aufgenommen und arbeitete anschließend als Gemeindekämmerer in Lindlar.
Bertram Schumacher – Bürgermeister von Bensberg und NSDAP-Funktionär
Bertram Schumacher wurde im Oktober 1944 mit der Wahrnehmung der Aufgaben des Bürgermeisters in Bensberg beauftragt. Er war am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten und hatte zuvor in Monschau als Bürgermeister und NSDAP-Kreisamtsleiter für Kommunalpolitik gearbeitet.
Nach Kriegsende wurde er interniert. Bereits 1949 stufte ihn der Entnazifizierungsvorstand als entlastet ein. Die Stadt Bergisch Gladbach weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass diese Einstufung kritisch zu betrachten ist.
Dr. Konrad Friedersdorff – Unterstützung der SA-Strukturen
Dr. Konrad Friedersdorff, Direktor des Stellawerks und Mitglied der NSDAP, stellte der politischen Abteilung der NSDAP Räume auf dem stillgelegten Werksgelände zur Verfügung. Der SA hatte er zuvor einen Herd aus der Werksküche für eine SA-Küche überlassen. Damit ist seine Unterstützung der örtlichen NSDAP- und SA-Strukturen dokumentiert.
Alex Naumann – Leiter der Stellawerk-Aktion
Alex Naumann wird in der städtischen Dokumentation als Leiter der Aktion gegen die Kommunisten im Stellawerk bezeichnet. Zeugenaussagen zufolge leitete er die Aktion und soll gegenüber den SA-Männern erklärt haben, sie sollten einen Gefangenen aufhängen, falls er an den Misshandlungen sterbe.
Das Verfahren gegen Naumann wegen der Vorgänge im Stellawerk wurde 1949 eingestellt, weil er bereits wegen fortgesetzter Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit dem SA-Lager Hochkreuz in Porz zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war.
Bauch und Vierkotten – SA-Prügelkommando
Die ehemaligen SA-Männer Bauch und Vierkotten werden in einem Urteil des Kölner Schwurgerichts von 1949 als Angehörige eigens für Misshandlungen eingesetzter Prügelkommandos genannt. Die Folterungen fanden in abgelegenen Räumen des Stellawerks statt. Ihre Namen sind damit mit konkreten Misshandlungen politischer Gefangener verbunden.
Karl Wenzel und Heinz Servatius
Karl Wenzel und Heinz Servatius (ehemaliger NS-Kreispropagandawart) wurden 1949 im Zusammenhang mit den Misshandlungen im Stellawerk angeklagt und mangels Beweises freigesprochen. Ein Freispruch bedeutet, dass eine strafrechtliche Schuld in diesem Verfahren nicht nachgewiesen werden konnte.
Max Müller – NSDAP-Ortsgruppenleiter in Bensberg
Max Müller war während der NS-Zeit Ortsgruppenleiter der NSDAP in Bensberg und stellvertretender Bürgermeister. Seine Rolle ist besonders im Zusammenhang mit der Ermordung zweier junger Zwangsarbeiter im Schlosspark Bensberg im März 1945 von Bedeutung.
Neuere Recherchen von Schüler:innen des Otto-Hahn-Gymnasiums haben erhebliche Zweifel an früheren Entlastungsdarstellungen ergeben.
Was die Tätergeschichte zeigt
Die bisherigen Recherchen zeigen, wie unterschiedlich die Nachkriegsgeschichte verlief: Ein SA-Funktionär wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt; andere Angeklagte wurden mangels Beweisen freigesprochen. Ein Bürgermeister wurde als Angehöriger des politischen Führerkorps der NSDAP verurteilt, ein anderer nach zunächst belastender Einstufung wieder in den öffentlichen Dienst aufgenommen.
Es geht nicht um eine nachträgliche pauschale Verurteilung aller damaligen Parteimitglieder. Es geht um die konkrete Verantwortung derjenigen, die politische Verfolgung organisiert, Menschen misshandelt, Deportationen ermöglicht, Zwangsarbeit ausgebeutet oder Morde gedeckt haben.
Es geht auch darum, zu fragen, warum manche nach 1945 wieder öffentliche Ämter bekleideten, in Verwaltungen zurückkehrten oder gesellschaftlich rehabilitiert wurden.
Die Opfer hatten Namen und Geschichten. Die Täter hatten ebenfalls Namen, Funktionen und Handlungsspielräume. Auch sie müssen Teil der lokalen Erinnerung werden.
Was noch erforscht werden muss
Die von zahlreichen Gruppen, Historiker;innen, Schulen, Vereinen, dem Archiv, etc bisher zusammengetragenen Biografien sind ein Anfang. Für eine umfassende Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in der Region fehlen noch viele wichtige Teile.
Insbesondere sollten folgende Fragen weiter untersucht werden:
- Sinti und Roma: Welche Menschen wurden aus Bergisch Gladbach, Bensberg und den umliegenden Orten verfolgt, deportiert oder ermordet?
- Homosexuelle Menschen: Welche Menschen wurden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt, verhaftet oder in Konzentrationslager verschleppt?
- Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangene: Wer waren die Menschen, die in den Betrieben und Lagern arbeiten mussten? Wo befanden sich die Lager, wer war für ihre Unterbringung und Bewachung verantwortlich und welche Unternehmen profitierten davon?
- Gestapo und SS: Welche Beamten und Funktionäre waren für die Verfolgung in der Region zuständig?
- Untereschbach und Immekeppel: Welche Opfer, Täter und Mitläufer lassen sich anhand der damaligen Verwaltungs- und Polizeiakten nachweisen?
- Nachkriegsjustiz: Welche Verfahren wurden geführt, welche Täter verurteilt, welche freigesprochen und welche Verfahren eingestellt?
- Die letzten Kriegstage: Wer waren die beiden auf dem Marktplatz hingerichteten Zwangsarbeiter? Wer waren die 17 sowjetischen Opfer am Wapelsberg?
Die Aufarbeitung darf nicht bei den bekannten Namen stehen bleiben. Sie muss neben den Namen von vielen weiteren unbekannten Opfernn und Schicksalen auch die Strukturen untersuchen, die Verfolgung ermöglichten: Verwaltung, Polizei, Unternehmen, Parteiorganisationen, Justiz und gesellschaftliche Institutionen. Eine Aufgabe, die sich die Stadt Bergisch Gladbach nicht gestellt hat.
Die Stadt hat nur Teile aufgearbeitet – vor allem die jüdischen Opfer und die symbolträchtigen Orte.
Die tieferen, unbequemeren und personalintensiveren Fragen (Täter, Zwangsarbeit, letzte Kriegstage, kleinere Orte, Nachkriegsjustiz) wurden und werden oft nur ansatzweise oder von außen angegangen. Das ist kein Zufall, sondern das typische Muster vieler mittelgroßer Städte in Deutschland: Erinnerung ja, aber bevorzugt dort, wo sie bereits „fertig“ und öffentlich konsensfähig ist.
Andere Themen und Namen wurden nicht angesprochen, da sie nach dem Krieg und bis heute von Bedeutung in dieser Stadt sind und man am liebsten nicht darüber reden will.
Die Frage „Warum wird das nicht gemacht?“ ist deshalb auch eine politische und gesellschaftliche: Es braucht anhaltenden öffentlichen Druck, Ressourcen und den Willen, auch die unangenehmen Teile der eigenen Stadtgeschichte zu benennen.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Die folgenden Quellen bilden die Grundlage des Beitrags. Auch wurden direkte Links zu den Veröffentlichungen angegeben. Bei den archivalischen Quellen sind Bestand, Aktenzeichen oder Publikation genannt, damit die Angaben überprüft und die Recherche fortgesetzt wird.
A. Stadtgeschichte, NS-Verfolgung und Stellawerk
1. Stadt Bergisch Gladbach: „Erläuterungen zur Gedenktafel Stellawerk“
Zentrale Quelle zur Verfolgung politischer Gegner:innen und jüdischer Menschen in Bergisch Gladbach.
2. Stadtarchiv Bergisch Gladbach: Quellenheft 1933–1945
Das 109 Seiten umfassende Quellenheft enthält 48 kommentierte Aktenstücke, Briefe, Zeitungsartikel, Fotos und Erinnerungstexte.
3. Dziak-Mahler, Myrle / Eßer, Albert / Speer, Lothar (Hrsg.): „Intoleranz gegen alles andere!“ Quellen zur Bergisch Gladbacher Stadtgeschichte 1933–1945. Bergisch Gladbach 2008.
Diese Veröffentlichung wird in der städtischen Stellawerk-Dokumentation mehrfach als Quelle herangezogen.
4. Landesarchiv NRW: Weiterführende Informationen zu den Stolpersteinen in Bergisch Gladbach
B. Jüdische Biografien und Rettungsgeschichten
5. Himmel un Ääd: „Sechs jüdische Biographien aus Schildgen“
6. Stadt Bergisch Gladbach: Auguste-und-Fritz-Fuchs-Platz
Dokumentation der Rettung Henriette Jordans und der Ehrung durch Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“.
C. Politische Verfolgung und Widerstand
7. LVR-Portal Rheinische Geschichte: Peter Walterscheidt
D. Konzentrationslager und Zwangsarbeit
8. Gedenkstätte Buchenwald: Außenlager Bensberg
9. Kölner Stadt-Anzeiger: „Zweiter Weltkrieg in Bergisch Gladbach: Zwangsarbeit und Zerstörung“
E. Kriegsende und zivile Opfer
10. Kölner Stadt-Anzeiger: „Kämpfe im Zweiten Weltkrieg – Schildgen fiel zum Schluss“
11. Bürgerportal Bergisch Gladbach: „Die Kämpfe um Schildgen – ein reales Drama“
F. Kriegsgräberstätten und Opferzahlen
12. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Kriegsgräberstätten Bergisch Gladbach
G. Täter, NSDAP und Nachkriegsjustiz
13. Landesarchiv NRW: „Die Kreisleiter der NSDAP“
14. Stadt Bergisch Gladbach: „NS-Bürgermeister“
Abschließende Einordnung
Die Quellenlage ist nicht überall gleich gut. Für das Stellawerk, die jüdischen Opfer und die Bürgermeister der NS-Zeit gibt es vergleichsweise ausführliche städtische Dokumentationen. Für Zwangsarbeiter:innen, die letzten Kriegstage, die Täter vor Ort und die Orte Untereschbach und Immekeppel bestehen dagegen noch erhebliche Lücken.
Deshalb sind die hier genannten Zahlen und Namen als dokumentierter Zwischenstand zu verstehen, nicht als abschließende Opfer- oder Täterbilanz. Wo die Quellen widersprüchlich sind oder einen Sachverhalt nicht belegen, ist das ausdrücklich kenntlich gemacht. Weitere Informationen sind ausdrücklich erwünschzt
Erinnerung bedeutet mehr als das Aufstellen von Stolpersteinen und das Ablegen von Kränzen. Sie bedeutet, die Geschichten der Opfer zu rekonstruieren, die Täter und ihre Netzwerke zu benennen und die Frage nach der Verantwortung auch nach 1945 zu stellen. Nur so kann aus dem Gedenken eine ernsthafte historische Auseinandersetzung werden.


Herzlichen Dank an Tomas Santillán
für die umfassende Darstellung der Geschichte in Bergisch Gladbach.
Für mich als Neubürger der Stadt Bergisch Gladbach,
der erst seit Ende 2023 hier wohnt, ist das sehr lehrreich und interessant.
Ich komme aus der Ruhrgebietsstadt Essen,
wo ein Geschichtsverein und auch das Essener Antirassismus-Telefon
ein Verzeichnis aller Stolpersteine in Essen im Internet bereit hielt.
Gibt es so etwas auch für die Stadt Bergisch Gladbach?
Hier ein Beitrag aus dem Kölner Stadtanzeiger,
der aber nur das Kölner Stadtgebiet betrifft.
https://www.ksta.de/koeln/aktion-zum-9-november-wir-putzen-stolpersteine-in-koeln-und-der-region-1409596
In Essen haben wir das auch gemacht: Offiziell als Aktion Stolpersteine zu putzen. Jetzt, nach der Entscheidung des Stadtrats von Heidenau bei Dresden mit den Stimmen von CDU, AfD und einem Bürgerbündnis, künftig keine neuen Stolpersteine mehr im öffentlichen Straßenraum zu genehmigen, wird das wieder wichtig.
Gruß von Olaf Swillus.
Es gibt vom WDR eine Stolpersteine App mit einer Karte auf der man Stolpersteine und ihre Position sehen kann und wem sie gewidmet sind. Habe sie auf dem Iphone, ob es sie auch für andere Betriebssysteme gibt ist mir nicht bekannt.
Die Namen und Beschreibungen zeigen, dass Faschismus mehr als eine Kriegsmaschinerie ist. Er durchdringt die Gesellschaft, zerstört demokratische Strukturen und ersetzt sie durch Macht, Vorurteile, Hass und Mord. Dieses Muster hat sich vor 90 Jahren in Europa ausgebreitet und in die Shoah sowie einen Weltkrieg gemündet, der Deutschland, Europa und andere Teile der Welt zerstörte. Die Zusammenstellung belegt, dass das mörderische System auch in Bergisch Gladbach beherrschend war.
Heute sehen wir, wie sich diese rassistische Ideologie einer überlegenen „deutschen Rasse“ wieder ausbreitet. In Sachsen-Anhalt ist es diesen bereits gelungen, mit Unterstützung anderer Parteien hohe Ämter zu erreichen – und das kann auch Bergisch Gladbach erreichen und ist in Anfängen schon sichtbar.
Unsere Aufgabe ist es, die eigene Geschichte aufzuarbeiten, uns an die Opfer vor Ort zu erinnern und die Täter zu benennen. Vor allem aber sollten wir von den Menschen lernen, die aufrecht geblieben sind, Widerstand geleistet und anderen geholfen haben. Sie beweisen, dass Menschlichkeit selbst im Faschismus möglich war. Dieses Erinnerungskultur muss weitergehen und wir müssen die Dinge endlich aufarbeiten, die in unserer Nachbarschaft geschehen sind, statt sie weiter zu verschweigen oder zu vergessen.
Wir dürfen das Wiedererstarken des Faschismus nicht zulassen. Wir müssen klar Position beziehen und jenen, die mit Faschisten zusammenarbeiten, unmissverständlich zeigen, dass wir eine Wiederholung der Geschichte nicht zulassen werden – weder in Sachsen-Anhalt noch in Bergisch Gladbach. Leider wird das aktuell ganz konkret vor Ort.
Es geht nicht um Ausgrenzung, sondern um ein breites demokratisches gesellschaftliches Bündnis der Demokrat:innen, welche unterschiedliche Weltanschauungen verbindet. Das hat 1930 und später gefehlt.
Doch von einem solchen Bündnis sind wir auch heute weit entfernt, weil wir uns gegenseitig misstrauen und uns spalten lassen und uns eifersüchtige Rechthaberei, Vorurteile und Machtlust und Abgrenzung auch weiterhin bestimmen. Selbst in unseren Reihen breiten sich antisemitische und rassistische Narrative aus, ein neuer Autoritarismus gewinnt zunehmend an Boden.
Statt Migrant:innen die Teilhabe und Selbstbestimmung zu ermöglichen, wird Europa zu einer Festung ausgebaut und auch vor Ort werden ihnen ihre Rechte und Kooperation verweigert.
Unsere Antwort darf aber nicht weniger Freiheit, weniger Demokratie und weniger Rechte sein. Wer Demokratie, Meinungsfreiheit, Vielfalt und Pluralismus verteidigen will, muss genau das stärken – mit mehr Freiheit, mehr Rechten und mehr Demokratie für alle.
—
Tomás M. Santillán – Mitglied im Stadtrat Bergisch Gladbach
Ich erlebe es ja immer wieder wie den Opfern gedacht wird und ja es ist richtig die Vergangenheit als Lehrmeister zu verstehen, aber wieso schlägt einem immer das selbe Verhalten entgegen wenn man sagt wann beginnen wir deutschen denn endlich unserer eigenen Opfer zu gedenken, was ist mit all den ermordeten und vergewaltigten, den verhungerten und den gesunkenen. Man kann doch nicht fast ein Jahrhundert später immer noch die eigenen Opfer verschweigen. Als habe es trotz Kapitulation nicht auch großes Unrecht an allen deutschen gegeben!!!
Hallo Pierre Wachowski, Sie schreiben:
=== “Als habe es … nicht auch großes Unrecht an allen deutschen gegeben!!!” ===
Dann sagen Sie doch einmal konkret: Welches Unrecht, und welche Deutschen Ihrer Meinung nach Unrecht erlitten hätten.
Gut: Ich bin auch mal ungerecht behandelt worden, und außerdem bin ich deutsch, jedenfalls meinen Ausweispapieren nach, – ob die AfD das anerkennen würde, weiß ich aber nicht. Doch das Unrecht, das ich hin und wieder erfahre, ist kaum der Rede wert, und ich lebe ein glückliches und sicheres Leben. Über welches “große Unrecht” an “allen Deutschen” wollen Sie sprechen? Nur zu. Ich höre.
Gruß von Olaf.