Frank Stein. Foto: Laura Geyer

In schonungsloser Offenheit legt Frank Stein die Probleme bei der Versorgung mit Kita- und OGS-Plätzen in Bergisch Gladbach dar: die Versorgungslücke wächst, alle Reserven sind ausgeschöpft. Jetzt hilft nur noch die ganz große Lösung. 

Frank Stein ist für die Misere nicht verantwortlich, erst seit einem halben Jahr arbeitet der Spitzenbeamte in Bergisch Gladbach. Für eine Lösung der Probleme ist er jedoch gleich mehrfach zuständig,  als Jugenddezernent und als Stadtkämmerer.

Eine Aufgabe, die er energisch in Angriff nimmt, auch wenn er einige Antworten schuldig bleiben muss. Das wurde bei einem gut besuchten Fachgespräch der SPD, der Stein angehört, in der Refrather Steinbreche deutlich.

Stein betont, dass die Stadtverwaltung fest entschlossen ist, allen Eltern, die es wollen, einen Betreuungsplatz für ihre Kindern anzubieten. Für die Offene Ganztagsschule (OGS) gebe es zwar (noch) keinen Rechtsanspruch, aber das sei irrelevant.

Schon jetzt zahle die Stadt aus dem eigenen Haushalt 11,8 Millionen Euro für die Kitas, 1,9 Millonen für die Tagespflege und 1,5 Millionen Euro für die OGS. Aber sie sei bereit, dafür noch mehr Geld in die Hand zu nehmen.

Es fehlen 478 Kita-Plätze

Das ist auch nötig, denn die Stadt verfehlt auch in diesem Jahr bei den Kita-Plätzen die eigenen Zielquoten. Vor allem im Bereich der Unter-Dreijährigen. Zum Stichtag 1.4.2018, sagte Stein, fehlten gemessen an diesen vom Stadtrat festgelegten Zielquoten 478 Plätze in den Kitas und weitere 157 Plätze in der Tagespflege. (Die ganze Präsentation des Kämmerers dokumentieren wir unten.)

Selbst nach dem Abschluss einer Reihe von Erweiterungsmaßnahmen (siehe Grafik) in den kommenden drei Jahren bleibe immer noch eine Lücke von 120 Plätzen.

Und das, obwohl Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben. Immerhin: bis zum Start des nächsten Kita-Jahres würde weitere Gespräche geführt, um noch möglichst viele Kinder unterzubringen. 

Bei OGS wächst Bedarf in Richtung 100 Prozent

Im OGS-Bereich sei die Planung noch sehr viel schwieriger, die Probleme seien noch sehr viel schwerer zu knacken. Zwar stehe Bergisch Gladbach im Landesvergleich sehr gut da: in ganz NRW gibt es für 44 Prozent der Grundschulkinder einen OGS-Platz, hier vor Ort sind es über 70,5 Prozent. 

Allerdings gehört Bergisch Gladbach zu den Städten, in denen in besonders vielen Haushalten beide Eltern arbeiten. Daher sei der Bedarf besonders hoch; bei einer Abfrage unter allen Eltern der künftigen Erstklässlern hatten im Herbst 2017 83 Prozent einen OGS-Platz gewünscht. Weitere neun Prozent präferierten eine Übermittag-Betreuung. 

In den vergangenen Monaten hatte die Stadtverwaltung gemeinsam mit den Schulen und OGS-Trägern noch einmal alle Erweiterungen geprüft, die ohne große bauliche Veränderungen möglich sind – und damit 84 Plätze neu eingerichtet. Damit kommt die Stadt auf eine Quote von 72,6 Prozent.

Refrath bleibt ein aktutes Problem

„Zum Stand heute gibt es in ganz Bergisch Gladbach nur noch ein einziges Problem”, zieht Stein eine Zwischenbilanz, „und zwar hier in Refrath, in der Wittenbergstraße, wo noch 15 Kinder zum nächsten Schuljahr unversorgt sind”. Die Stadt werde aber alles tun, um auch diese Kinder noch unterzubringen. Dafür seien zwei oder drei Optionen in Aussicht; es sei aber noch zu früh, darüber zu reden.

Damit wäre Stein aber nicht am Ziel. Im Gegenteil. Denn der Bedarf wird nach seiner Einschätzung in Richtung 100 Prozent steigen, die Lücke noch größer werden. 

Davon ist die Stadt weit entfernt, die Lücke wird nach Einschätzung von Stein größer. „Wir brauchen 350 weitere OGS-Plätze. Und zwar nicht irgendwo in Bergisch Gladbach, sondern genau in den Stadtteilen, wo der Bedarf liegt”, sagt Stein. 

Die Zeit der Improvisation ist vorbei

Dieses Defizit könne nicht durch weitere kleine Schritte gelöst werden – weil die Platzreserven der Grundschulen inzwischen vollkommen erschöpft sind: „Die Zeit der Improvisation ist vorbei.”

Ohnehin, so Stein, seien viele der 20 Grundschulen der Stadt in einem so maroden Zustand, dass sie eigentlich abgerissen und neu gebaut werden müssten. Und selbst diejenigen, deren Bausubstanz noch in Ordnung sei, müssten für einen vernünftigen OGS-Betrieb grundsätzlich umgebaut werden. 

Hinweis der Redaktion: Frank Stein ist nicht nur für Kitas, OGS und den städtischen Haushalt Ansprechpartner, er hat auch das Thema „Sicherheit im öffentlichen Raum” zur Chefsache erklärt. Daher nimmt er (mit Polizeichef Gerd Wallmeroth und CDU-Fraktionschef Michael Metten) am Bürgerportal-Stammtisch „Wie wird Gladbachs Innenstadt sicherer” teil. Am Mittwoch, 25.4., 19 Uhr, im Wirtshaus am Bock

Mehrfach kommt von Eltern die Frage, warum es nicht möglich sei, die vielen Klassenräume der Grundschulen, die nachmittags leer stehen, für den OGS-Betrieb zu nutzen. Dagegen werden vor allem pädagogische Gründe angeführt, referiert Stein – und lässt erkennen, dass viele Schulleiter zu einem solchen Schritt nicht bereit sind. Sie unterstünden wie die OGS-Träger nicht der Stadt, sondern seien nur Gesprächspartner.  

Daher sieht der Dezernent nur prinzipielle Möglichkeiten, das Problem in den Griff zu bekommen. Am besten wäre die Einführung einer echten Ganztagsschule für alle – aber das könne die Stadt nun mal nicht entscheiden. 

Daher bleibe nur, die Schullandschaft der Stadt komplett auf den Prüfstand zu stellen und konsequent für die Nachmittagsbetreuung fit zu machen. Einen entsprechenden Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplan will die Verwaltung bis Jahresende dem Stadtrat vorlegen. Das hatte Bürgermeister Lutz Urbach bereits im  Februar skizziert.

Der Plan soll u.a. diese Fragen klären:

  • Welche Grundschulstandorte sind auch mittel- und langfristig sinnvoll? 
  • Reicht Sanierung oder sind nur Abriss und Neubau sinnvoll? 
  • Wo muss eine OGS geschaffen, saniert oder erweitert werden? 
  • Welche Finanzmittel sind dafür zu mobilisieren?

Dann müsse die Politik entscheiden, was sie wolle, sagt Stein. 

Hoher Zeitdruck, hohe Hürden

Dabei bestehe ein hoher Zeitdruck. Die ersten Maßnahmen des neuen Plans müssten eigentlich schon zum Schuljahr 2019/20 greifen. Angesichts des deutschen Planungsrechts eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, wie Stein auf Nachfrage einräumt. 

Warum eigentlich nehme die Stadt die Trägerschaft der Kitas und OGS nicht selbst in die Hand, lautet  eine weitere Frage aus dem Publikum? Das wäre ein riesiger bürokratischer und personeller Aufwand, stelle zudem die bisherige Pluralität der Träger in Frage, denkt Stein laut nach. Aber warum eigentlich nicht? Daher wolle er diese Frage mit dem Stadtrat erörtern. 

Zwei weitere Fragen, die direkt die Organisation der OGS-Träger betreffen, will Stein ebenfalls mitnehmen und mit den Zuständigen besprechen: Warum haben einige OGS immer noch nicht die Kriterien offen gelegt, nach denen sie knappe Plätze vergeben? Und warum haben es einige bis heute nicht geschafft, den Eltern mitzuteilen, ob sie zum Schulbeginn mit einem Platz rechnen können?

Hinweis der Redaktion: Der Stadtelternbeirat bietet einen Stammtisch an, damit sich die Eltern besser vernetzen können. Vor allem diejenigen, die bei der Vergabe leer ausgegangen sind. 

Dokumentation: Frank Steins Präsentation

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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1 Kommentar

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  1. Warum funktioniert es in den meisten Bundesländern, flexibel mit Kinderbetreuung umzugehen. Viele, viele Plätze bzw. Elternbedürfnisse würden gedeckt werden, wenn Kinder flexibel, also z.B. 2 Tage die OGS besuchen; such Familien die Plätze teilen.
    Und: wieviele Plätze werden an Eltern vergeben, die sehr wohl zuhause sind und nicht aus beruflichen Gründen eine Betreuung benötigen? Wer überprüft das? Es gibt Kinder, deren Eltern gezwungen sind, anderweitig zu betreuen mangels Platz und es gibt Eltern, die zuhause sind und dennoch „abgeben“ !!!!!